Auf einer AfD-Wahlkampf-Veranstaltung Mitte Juli in Sachsen-Anhalt mit dem dortigen AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund und Bundesparteichef Chrupalla ertönte, angestimmt von dem Kabarettisten Uwe Steimle, die DDR-Hymne, und der ganze Saal sang mit. Empörung und einseitige Berichterstattung in den Mainstreammedien. Der Kontrafunk ließ Uwe Steimle in einem Interview über seine Motive selbst ausführlich zu Wort kommen. Seine Worte sind es wert, etwas länger darüber nachzudenken. Wir bringen nachfolgend mein Transkript des Interviews. (hl)
Kontrafunk:
Eine Veranstaltung der AfD im Sachsen-Anhaltischen Dessau-Roßlau sorgt für Schlagzeilen in den deutschen Zeitungen. Der Grund? Dort wurde die DDR-Nationalhymne gesungen. Es war eine Diskussionsrunde mit AfD-Chef Tino Chrupalla und dem Sachsen-Anhaltischen AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund. Soweit so normal, 8 Wochen vor der Landtagswahl.
Aber: Mit dabei bei dieser Veranstaltung war auch der ostdeutsche Kabarettist Uwe Steimle, und der stimmte auf der Bühne zum Abschluss eine Hymne an. Es war aber nicht die deutsche Nationalhymne, also “Einigkeit und Recht und Freiheit“, sondern es war die Hymne der DDR. Und das klang so: (Der Gesang U. Steimles wird eingeblendet):
Auferstanden aus Ruinen
Und der Zukunft zugewandt
Laß uns dir zum Guten dienen
Deutschland, einig Vaterland
Alte Not gilt es zu zwingen
Und wir zwingen sie vereint
Denn es muß uns doch gelingen
Daß die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint
Über Deutschland scheint.
(U. Steimle): „Ich kann nur die Hymne.“
Das gibt jetzt also große Aufregung in den Medien, und wir wollen drüber reden mit Uwe Steimle selbst, den ich jetzt hier beim Kontrafunk begrüße. Guten Tag, Herr Steimle.
Steimle:
Guten Tag. Hier spricht der deutsche Kabarettist und nicht der ostdeutsche.
Kontrafunk:
Herr Steimle, das Thema der Diskussionsrunde in Dessau-Roßlau war Frieden. Wie kam es denn dazu, dass Sie da die DDR Nationalhymne gesungen haben?
Steimle:
Also Satire, die sich erklären muss, ist ja schon überflüssig. Bei Satire gilt: Wer sich betroffen fühlt, ist gemeint. Und ich mache in meinen Programmen manchmal in Erinnerung auch an den Text der Nationalhymne der „Deutschen Demokratischen Republik“, der so tagespolitisch und so aktuell ist – weil wir ja immer noch kein „einig Vaterland“ sind. Und ich meine, ich freue mich natürlich riesig, wenn das so ein Echo hervorruft. Vor allen Dingen, wenn man sich den Text dann auch noch mal anguckt … weil, ich bezog mich ja vor allem, ich habe das auch noch mal gesagt hinterher, der Text ist hochaktuell. Und man darf nicht ganz vergessen, hallo, die DDR-Hymne war verboten. Also wir durften in dem Land ja die Hymne gar nicht singen, und ich war erstaunt, wie textsicher nach 37 Jahren der gesamte Saal mit da war.
Die Leute hatten Tränen in den Augen, weil, dieses Vermächtnis, ne, wir sind ja, die DDR, aus Ruinen auferstanden, es stimmt ja jedes Wort. Und wenn ich noch mal die zweite Strophe in Erinnerung rufen darf, ja, von diesem großartigen Johannes R. Becher:
Glück und Friede sei beschieden
Deutschland, unserm Vaterland
Alle Welt sehnt sich nach Frieden
Reicht den Völkern eure Hand.
Wenn wir brüderlich uns einen
Schlagen wir des Volkes Feind.
Laßt das Licht des Friedens scheinen
Daß nie eine Mutter mehr
Ihren Sohn beweint.
Er singt nicht: eine deutsche Mutter. Er singt eine Mutter.
Und dieses Land Deutschland schlittert schon wieder in den nächsten Krieg hinein, weil die Rüstungsindustrie, allen voran der Staatshalter von Black Rock, nämlich Friedrich Merz, auf deutschen Boden sozusagen als Kriegskanzler sich schon hervortun will.
Sie wollen die Spuren verwischen, ganz einfach, weil sie pleite sind. Was wir hier erleben, ist Kapitalismus-Insolvenzverschleppung. Desterwegen war der Text ganz wichtig.
Und ich zitiere an der Stelle auch gerne Kurt Tucholsky: „Es gilt derjenige, der auf den Dreck hinweist, als viel gefährlicher, als der den Dreck verursacht.“
Kontrafunk:
Kanzleramtsminister Thorsten Frei von der CDU findet es, wie er sagte, extrem befremdlich, dass politische Repräsentanten – gemeint sind die anwesenden AfD-Politiker – auf der Bühne bei der DDR-Hymne mitgesungen hätten. Haben denn Tino Chrupalla und Ulrich Siegmund überhaupt mitgesungen, oder haben die nur die Lippen bewegt? Was war ihr Eindruck?
Steimle
Erstens weiß ich das nicht, weil ich mich darauf nicht konzentriert habe. Mich ergreift es immer noch jede Minute, wenn ich diese Hymne singe. Ich bin mit der Hymne groß geworden. Und dieses Vermächtnis – wir haben auch noch mal eindeutig gesagt, kann man auch hören, es ging uns um die Präsenz dieses Textes, weil der immer noch so hoch aktuell ist. Und die Sprache ist das Kleid eines Menschen, und da kriegt man natürlich eben dann auch mit, ne, was gemeint ist. Ich weiß nicht, ob die mitgesungen haben. Keine Ahnung. Ist och völlig uninteressant. Der Saal hat mitgesungen.
Und ich bin als Kabarettist geladen, und da muss man damit rechnen, dass man auch mal … Ich meine, was ich alles bin, ich bin ja auch ein Nazi, und wenn der Nazi die DDR Hymne singt, das stimmt doch alles. Da ist doch die Querfront bestens vereint.
Kontrafunk:
Sie sind ja einst bekannt geworden mit Ihrer Parodie des DDR Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker.
Jetzt singen Sie öffentlich die DDR Nationalhymne. Die DDR lässt sie irgendwie nicht los, oder?
Steimle:
Nee, geht ja auch nicht. Ich habe dort meine Jugend verbracht. Und ich sag mal – mit den Worten von Peter Sodann in Erinnerung, formuliert-: Wir wollen die DDR nicht wieder, ich auch nicht, aber wir wollen sie uns auch nicht nehmen lassen. Und dieses Land DDR – das darf man bitte nicht vergessen – hat nach diesem verheerenden Zweiten Weltkrieg – und so bin ich erzogen worden, das war Staatsdoktrin – Frieden, alles zu tun für den Frieden, das war Staatsdoktrin, und Worte wie Familie, wie Heimat, wie Vaterland. Das war links besetzt. Heute sind dieselben Worte rechts. Und da bin ich als Kabarettist aufgerufen, mal zu fragen, was hier vor sich geht. Ich bin letzten Endes ein Seismograf der Zeit. Ich stelle Fragen, und wer sich betroffen fühlt, ist gemeint, um noch mal Werner Fink ins Gespräch zu bringen.
Und man darf nicht ganz vergessen: Ich habe (19)89, als ich angefangen – ich habe ja nicht Honecker pur nachgemacht, sondern man musste das zwischen den Zeilen machen, wir DDR-Bürger sind ja gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen und zu hören – da habe ich einen Hobby-Ornithologen gemacht. Und wenn Mielke gewonnen hätte – es gab ja nicht nur die „drei Tage des Condor“, sondern auch die „drei Tage des Mielke“ – dann würden wir heute nicht miteinander sprechen.
Insofern stellt sich die Frage gar nicht, dass ich die DDR wieder haben will, darum geht’s nicht. Aber es hat bis heute keine wirkliche Aufarbeitung überhaupt stattgefunden. Z.B., dass dieses kleine Land die gesamten Reparationskosten für den Zweeten Weltkrieg alleine getragen hat. Das waren über 700 Milliarden DM. Und wenn sich dann heute ein Kanzler hinstellt, wie Friedrich Merz, und das Volk verdächtigt, dass es faul wäre – ich kann nur sagen: Leute, wir haben den großen Vorteil in der DDR, die Erlebt-Zu-Habenden, dass wir vergleichen können. Die DDR war zu Ende, als Honecker gesagt hatte im August: „Wir weinen niemandem eine Träne hinterher.“
Das war für mich das Ende der DDR.
So, und wenn Friedrich Merz mit ähnlichen Sachen kommt um die Ecke, kann man nur sagen: „Schäm dich!“ Es ist einfach völlig irre, was hier läuft. Völlig irre.
Wir schlittern in den Krieg! – Und das möchte ich nicht. Und deswegen versuche ich mit den Mitteln der Satire aufzurütteln oder auch, eben ganz wichtig, im Denken zu stören!
Darum geht’s ja letzten Endes.
Und das Schönste war, im Saal haben alle mitgesungen. Toll.
Kontrafunk:
Und nach der DDR-Hymne wurde dann ja in Dessau-Roßlau auch noch die heutige deutsche Nationalhymne gesungen. Klang jetzt gesanglich nicht ganz so gut. Wie stehen Sie zu dieser Hymne, also dem Text von Hoffmann von Fallersleben und der Melodie von Josef Heyden?
Steimle:
Ja, wie stehe ich dazu? Mir ist die DDR-Hymne … ich bin mit der groß geworden. Also für mich ist es die schönere Hymne, also ganz persönlich gesagt. Und noch schöner wäre vielleicht, wenn wir von Bertold Brecht die Kinderhymne singen würden. Aber ich singe natürlich auch die andere Hymne mit, die ist nun mal gesamtdeutsch, aber ich bin ein Kind der DDR, und ich werde ein Kind der DDR bleiben.
Ich bin nicht angekommen in der BRD, weil, 90 % der Entscheidungsträger kommen 37 Jahre nach der Kehre aus der BRD und 90 % der Immobilien gehören Menschen aus der BRD oder Übersee. Da kann von einer Wiedervereinigung gar nicht die Rede sein. Wir sind ein besetztes Land, und das ist eine Schande.
Und jetzt zeigen sie mit Fingern auf die, die auf den Dreck hinweisen. Das ist die Unverschämtheit. Denn Herr Frei müsste sich mal überlegen – weil er gesagt hat, es geht um das Einende -: Genau in der Hymne wird gesungen: Deutschland einig, Vaterland. Und wir sind nicht einig. Gucken Sie sich an, die DDR ist komplett blau nach 37 Jahren. Zu viel Rotlicht macht braun. Also alles irre, was hier läuft.
Kontrafunk:
Nun stürzen sich die Zeitungen in Deutschland natürlich auf diesen Hymnenvorfall von Dessau- Roßlau. Manche in der AfD werden darüber vielleicht gar nicht so glücklich sein oder gerade. Für sie war es ein Spaß, den sie sich als Satiriker erlaubt haben. Oder war das vorher abgesprochen mit Tino Chrupalla?
Steimle:
Nein, da war gar nichts. Der war ja selber verdattert. Die wollten das ja wieder einfangen. Und ich habe dann gesagt: Nee. Weil ich auch wissen wollte, ob die Leute im Saal den Text noch können.
Noch mal, der Text war verboten, und nach 37 Jahren haben die Leute einen Text, der verboten war, präsent im Kopf. Finde ich enorm, kann nur sagen: Danke allen. Und vielleicht sollten wir öfter uns mal mit den Texten und den Inhalten und der deutschen Sprache beschäftigen, weil Sprache ist auch Heimat. Und insofern: Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Für mich war das eine hochinteressante Veranstaltung.
Ich sag noch mal: Frieden war das, was über allem stand.
Und wenn mich jemand ruft … ich bin letztendlich ein alter Linker und lass mich doch nicht von irgendwelchen Leuten zum neuen Rechten machen. Ich bleibe dabei. Und für mich war das, weil ich gerufen wurde zu einer Friedensveranstaltung zu kommen, eine Ehrensache.
Und wenn ich einen kleinen Beitrag dazu leisten durfte, dass Frieden bleibt, möglichst noch lange, und wir keine Rüstung bzw. Drohnen und Bomben in Richtung Russland schicken, dann habe ich alles richtig gemacht.
Alles für den Frieden. Die Erhaltung des Weltfriedens in Europa, das war immer oberste Staatsdoktrin.
Und ich höre heute noch Erich Honecker, der gesagt hat:
„Und wenn wir uns mit dem Teufel verbünden würden, Hauptsache es bleibt Frieden.“
Und denken Sie an Helmut Schmidt, um mal wieder gesamtdeutsch zu sprechen: „Lieber 100 Stunden reden als eine Minute Krieg.“
Und darum geht’s.
Kontrafunk:
Über den in der deutschen Presse skandalisierten Hymnenvorfall von Dessau-Roßlau sprach ich mit dem Urheber, dem Kabarettisten Uwe Steimle. Danke fürs Gespräch.
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Quelle:
https://www.youtube.com/watch?v=0gvlMK8qq0Q&t=210s
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2 Kommentare zu „Uwe Steimle: Aufrütteln für den Frieden, Text der DDR-Hymne aktueller denn je“
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