Die Selbstversorgung früherer Zeiten ist heute durch das System der arbeitsteiligen Wirtschaft abgelöst, in der keiner mehr für sich selbst arbeitet, sondern für die anderen. Die Wirtschaft funktioniert also im Grunde nach dem Prinzip der Brüderlichkeit. Dies wird für die Menschen durch das noch ganz auf den Egoismus gebaute Geldsystem verschleiert, das die Scheinlogik erzeugt, man arbeite für Geld, damit man davon leben könne. Doch niemand kann vom Geld leben, sondern immer nur von der Arbeit anderer. Das muss zu Konsequenzen für das heute noch ausbeuterische Geldsystem führen.

Geld als Anweisung auf die Arbeit anderer
Der Mensch muss essen, und seine Nahrungsmittel müssen von irgendwelchen Menschen erzeugt und hergestellt werden. Der Mensch muss sich kleiden, und seine Kleider müssen von Schneidern in ihrem Atelier oder in einer Fabrik produziert werden. Damit man ein Hemd, ein Kleid, einen Anzug anziehen kann, müssen Menschen stundenlang ihre Arbeitskraft einsetzen. Sie arbeiten für mich, und davon lebe ich, nicht von meinem Gelde. Und die anderen leben von dem, was unter anderen ich für sie erarbeite.1
Mein Geld hat keinen andern Wert, als dass es mir die Macht gibt, die Arbeit anderer zu nutzen, andere für mich arbeiten zu lassen. Geld ist im Grunde eine Anweisung, dass das, was andere Menschen an Waren hergestellt haben oder an Dienstleistungen anbieten, mir zugutekomme. Alleine auf einer fernen Insel könnte ich noch so viel Geld haben, es hätte keinerlei Wert für mich, wenn es nicht andere Menschen gäbe, die auf diese Weise für mich arbeiten.
Aber das beinhaltet natürlich die Verpflichtung, ebenfalls meinen Anteil in die Gesellschaft einzubringen, also entsprechend zurückgeben, was für mich gearbeitet worden ist, nicht in Geld, sondern ebenfalls durch Arbeit für andere. Denn Gerechtigkeit kommt nur durch Leistung und gleichwertige Gegenleistung zustande.
„Dass man seinen Mitmenschen sein Geld gibt, das bedeutet nur, dass man die Mitmenschen am Gängelbande, am Sklavenbande führen kann, sie zwingen kann, dass sie für einen arbeiten. Können Sie sich aus Ihrer Erfahrung nicht selbst die Antwort geben auf die Frage: Wie viele Menschen bedenken, dass Geld nur eine Anweisung auf menschliche Arbeitskraft, dass Geld nur ein Machtmittel ist? Wie viele Menschen sehen im Geiste, dass sie gar nicht da sein könnten in dieser physischen Welt, ohne dass sie der Arbeit der anderen Menschen das, was sie selbst beanspruchen für ihr Leben, verdanken? – Sich verschuldet fühlen der Gesellschaft, in der man drinnen lebt, das ist der Beginn jenes Interesses, das verlangt werden muss für eine gesunde soziale Gestaltung.“ 2
Wenn jemand Geld geerbt, im Glücksspiel oder sonst gewonnen hat und damit Waren oder Dienstleistungen anderer bezahlt, hat er dafür seinerseits keine Leistungen für andere erbracht. Er nutzt ein leistungsloses Einkommen, um andere vielleicht jahre-, jahrzehntelang für sich arbeiten zu lassen. Dieser Vorgang bleibt gewöhnlich ganz unbewusst. Er meint, er lebe von seinem Gelde, aber er lebt in Wahrheit davon, dass andere für ihn arbeiten, die er durch das Geld dazu zwingen, wie „am Sklavenbande führen“ kann. Dem Geld sieht man den Unterschied nicht an. Es ist generell eine Anweisung auf die Arbeitsergebnisse anderer.
„… Geld kann im gesunden sozialen Organismus nichts anderes sein als eine Anweisung auf Waren, die von anderen erzeugt sind und die man aus dem Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens deshalb beziehen kann, weil man selbst erzeugte Waren an dieses Gebiet abgegeben hat. … Jeder produziert auf dem Umwege durch das ganze Wirtschaftsleben für jeden. Innerhalb des Wirtschaftslebens hat man es nur mit Warenwerten zu tun. 3
Das bedeutet, dass prinzipiell nur insoweit und so viel Geld existieren dürfte, als bei dem damit Zahlenden aktuell gesellschaftliche Gegenleistungen zugrunde liegen, ausgenommen natürlich Arbeitsunfähige, Kinder und alte Menschen. Das Geldvolumen muss also dem Volumen von erarbeiteten Waren und Dienstleistungen entsprechen, die Waage halten. Dann kann das Geld eine gerechte Tauschfunktion erfüllen.
Die weitgehende Geldschöpfung
Wie weit das heutige Geldsystem von diesen elementaren Grundgedanken eines gerechten Tausches abgekommen ist, zeigt vor allem auch das Recht der Zentral- und Geschäftsbanken auf weitgehende Geldschöpfung aus dem Nichts, ohne dass dabei die Bindung an die realen wirtschaftlichen Werte eine Rolle spielt. Es müssen nur 8% der Kreditsummen als Eigenkapital vorhanden sein. Das Geld wird nicht mehr als gerechter Vermittler des Tausches wirtschaftlicher Werte gesehen, sondern wird als Eigenwert behandelt.
In dem Moment, in dem eine Bank einem Kunden einen Kredit gewährt und auf seinem Konto gutschreibt, hat sie den Kreditbetrag aus dem Nichts geschöpft und die Geldmenge entsprechend vermehrt. Sie verleiht Geld, das sie gar nicht hat oder aufbringen muss, sondern das erst für den Kunden zum realen Geld wird, mit dem er z.B. Baustoffe und Dienstleistungen für sein Haus bezahlen kann. Und der Kunde muss reales Geld, das sich noch durch Zins- und Zinseszins erhöht, an die Bank „zurückzahlen“, die um die Gesamtsumme, abzüglich der berechtigen Gebühren für ihre Tätigkeit, bereichert wird. Der Kunde hat für die „Rückzahlung“ wie ein Sklave zur Bereicherung der Bank gearbeitet.
Wenn man sich vor Augen führt, dass die Bankkredite durch Hypotheken oder Grundschulden auf den Hausgrundstücken abgesichert werden, und die Bank bei ausbleibender „Rückzahlung“ die Zwangsversteigerung der Häuser betreiben und so zu realen wirtschaftlichen Werten kommen kann, sieht man, welche groteske und tief in das Leben der Menschen eingreifende Sache das ist.
Es handelt sich im Grunde um legalisierte Ausbeutung in größtem Maße.4
Die Banken können diese zusätzlichen leistungslosen Gelder in große Unternehmen investieren, z.B. Aktien damit kaufen, und durch große ebenfalls leistungslose Gewinn-Anteile laufend weiter vermehren, so dass sie auf diesen Wegen große wirtschaftliche Macht erwerben. Das Aktiensystem ist ein weiteres Problem, das hier nicht behandelt werden kann.5
Zins- und Zinseszins
Hinzu kommt, wie schon angedeutet, dass sich die leistungslosen Einkommen der Kredit-„Rückzahlungen“ noch gewaltig durch die leistungslosen Einkommen des Zins- und Zinseszinses vermehren.
Gewährt die Bank z.B. einen aus dem Nichts geschöpften „Kredit“ von 100.000 €, braucht sie nur eine vorgeschriebene Eigenquote von 8 % an eigenem echten Geld vorzuhalten, also 8.000 €. Erhebt sie für den Kredit einen Zins von 8 %, ergibt das in einem Jahr Einnahmen von 8.000 €. Das ist noch einmal der Betrag des eingesetzten Eigenkapitals. Die Bank macht also einen Zinsgewinn von 100 %. Hier von Wucher zu reden, wäre noch eine Verharmlosung des tatsächlichen Vorganges.
Zinseszins entsteht, wenn Zinszahlungen ausbleiben und diese der Kreditschuld zur weiteren Verzinsung zugeschlagen werden. Der Zinseszinseffekt sei am Beispiel eines Anlegers veranschaulicht:
Ein bei einer Bank zu einem Nominalzins von 7 % angelegtes Kapital hat sich nach exakt elf Jahren verdoppelt. Nach 70 Jahren wird es auf das 106,5-Fache angewachsen sein. Gibt jemand also z.B. 10.000 € zur Bank, hat er nach elf Jahren 20.000, und nach 70 Jahren besitzt er oder sein Erbe durch den exponentiellen Wachstumseffekt auf wundersame Weise 1.065.000 €. Die ursprünglichen 10.000 € haben sich um einen Gewinn von 1.055.000 € vermehrt, ohne dass er das Geringste dafür gearbeitet hat, alleine deswegen, weil ihm das Anfangskapital gehört, durch das er mit Hilfe von Zins und Zinseszins gleichsam die Macht hat, andere Menschen diesen Gewinn für sich erarbeiten zu lassen. (Vgl. Christian Kreiß, Profitwahn, Marburg 2013.) 6
Besonders eindrucksvoll wird der Zinseszinseffekt durch die bekannte fiktive Geschichte von Joseph demonstriert. Angenommen, im Jahre 1 unserer Zeitrechnung hätten Josef und Maria vor ihrer Flucht nach Ägypten 1 Cent zu einem Zinssatz von 5 % bei einer Bank angelegt und heute käme ein Erbe mit dem Sparbuch zur Bank, um die Zinsen nachtragen zu lassen. Wieviel wäre das?
„Heinrich Haussmann aus Nürnberg hat ausgerechnet, was im Laufe der Jahrhunderte aus diesem einen Cent geworden wäre: Im Jahre 296 ein Kilogramm Gold, im Jahre 438 eine Tonne Gold, in 1466 eine massive Goldkugel von der Größe des Planeten Erde, in 1749 eine Million Goldkugeln von der Größe unseres Planeten, in 1890 eine Milliarde solcher massiver Goldkugeln und im Jahre 2000 ganze 216 Milliarden erdgroße Kugeln aus Gold. (…)
Wenn es aber nur die Zinsen von fünf Prozent gäbe, die nicht verzinst, sondern in einer zinsfreien Währung gutgeschrieben werden, hätten wir ein ganz anderes Ergebnis: Aus dem einen Cent wäre innerhalb von zweitausend Jahren ein einziger Euro geworden. Damit könnten wir leben.“ http://www.wissensmanufaktur.net/fliessendes-geld 7
Hieran wird besonders drastisch die ungeheure Vermögenakkumulation deutlich, die dem Zinseszins rein funktional innewohnt. Er führt im Verlauf längerer Zeiträume über die Exponentialfunktion zu explosionsartigem Wachstum, das von keinen realen Werten gedeckt werden kann.
Ein einfacher Zins ist also schon eine ungerechtfertigte leistungslose Vermehrung des Geldes, aber gegenüber dem absurd werdenden Zinseszins noch harmlos.
Für die aus der eigenen Arbeit stammenden Ersparnisse ist allerdings ein angemessener einfacher Zins gerechtfertigt, wenn sie als Kredit direkt oder indirekt über eine Bank dem Produktionsprozess für Investitionen zur Verfügung gestellt werden, gleichsam als Ausgleich dafür, dass der Sparer gegenwärtig auf die Früchte seiner Arbeit verzichtet und mit seinem Kredit den allgemeinen Interessen dient. (Vgl. auch Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage, Dornach 1961, S. 115, 116, 133.) 8
Die Umverteilung von Arm nach Reich
Neben dem durch Gelschöpfung und Zinseszins erworbenen gibt es heute im Wesentlichen noch zwei weitere Formen arbeitslosen Einkommens: einmal die Bodenrente, also Miet- und Pachteinnahmen, die allein aufgrund des Eigentums an Grund und Boden bezogen werden 9, und zum anderen Unternehmensgewinne und Dividenden, die aus dem Privateigentum an den Produktionsmitteln beansprucht werden. 10 Alle drei zusammen bewirken eine permanente Vermögensverteilung von unten nach oben, von Arm nach Reich.
Die unteren 50 % der deutschen Haushalte, also gut 40 Mio. Menschen, hatten 2007 – unter Berücksichtigung der Schulden vor allem der unteren 10 % – netto praktisch kein Vermögen. Die oberen 20 % der Deutschen, also knapp 8 Mio. Menschen, besaßen gut 80 % des Gesamtvermögens. Diese Tendenz ist unentwegt steigend. Aus praktisch allen Vermögensarten geht mindestens eine der drei Formen von arbeitslosem Einkommen hervor. Der Sachverständigenrat der deutschen Wirtschaft bezifferte die bereinigte Höhe dieser ´Nicht-Arbeits-Einkommenszuflüsse´ für die Jahre 2006 bis 2008 auf durchschnittlich 27,9 % des Volkseinkommens bzw. 518 Mrd. pro Jahr.
Diese Zuflüsse werden von allen Einwohnern über die Preise mitfinanziert. Im Durchschnitt sind in den Preisen aller Produkte und Dienstleistungen, die in Deutschland gekauft werden, nach Berechnungen von Helmut Creutz brutto etwa 35 % Kapitalkosten enthalten, die aus einer der Formen arbeitslosen Einkommens stammen. Da auch die oberen 20 % Güter und Dienstleistungen kaufen, flossen netto 80 % von 518 Mrd. = 415 Mrd. pro Jahr ohne Arbeitsleistung an die wohlhabendsten 20 % der Bundesbürger. Man könnte diesen Zufluss mit Kreiß eine „Reichensteuer“ nennen: Die weniger wohlhabenden bis armen Haushalte zahlen über die Preise an die wohlhabendsten Haushalte einen Anteil von etwa 25 % des erwirtschafteten BIP, wofür diese keine Arbeit erbracht haben. 10 –
Nur aus dem Bewusstsein dieser Zusammenhänge können positive Veränderungen erfolgen.
———————————
1 Vgl. Rudolf Steiner: Vortrag 30.11.1918 in GA 186
2 a.a.O.
3 Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage, Dornach
1961, S. 130
4 Siehe näher: https://fassadenkratzer.de/2014/06/20/die-geldschopfung-der-banken-lizenz-zum-legalen-betrug/
5 Siehe: https://fassadenkratzer.de/2013/10/11/die-sozial-zerstorerische-wirkung-des-aktienrechts/
6 Siehe näher: https://fassadenkratzer.de/2013/12/06/ausbeutung-durch-das-zinssystem/
7 a.a.O.
8 a.a.O.
9 Vgl. https://fassadenkratzer.de/2013/11/08/soziale-auswirkungen-des-eigentums-an-grund-und-boden/
10 Vgl. https://fassadenkratzer.de/2018/01/31/der-geraubte-gewinn-als-grundlage-des-reichtums-und-der-globalen-kapitalistischen-herrschaft/
Wer sich noch gründlicher mit diesen ungeheuer wichtigen sozialen Fragen auseinandersetzen will, findet im Inhaltsverzeichnis dieses Blogs Kapitel VI. Kapital und soziale Frage noch weitere Artikel.