Ausmaß und Auswirkungen des Krankenhaussterbens

Das Krankenhaussterben verläuft mit sich beschleunigender Geschwindigkeit. Seit dem Jahr 2000 ist mit 520 Schließungen bereits etwa ein Viertel der Krankenhäuser verschwunden und damit ca. 80.000 Krankenhausbetten. Das vollzieht sich vor allem im ländlichen Raum. Viele kleinere Krankenhäuser können unter der Knute des staatlichen Krankenversicherungssystems nicht mehr kostendeckend arbeiten. Sie müssen schließen und das Personal entlassen. Aber vor allem: Die Wege zum nächstliegenden Krankenhaus werden für die Kranken oft wesentlich länger, mit oft gravierenden Folgen für die akuten Notfälle. Dr. Christoph Heinritz-Bechtel schildert in seinem 2. Vortrag Ausmaß und Auswirkungen der Schließungen. Nachfolgend mein Transkript mit Zwischenüberschriften. (hl) 

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Dr. med. Christoph Heinritz-Bechtel

Das sterbende Krankenhaus – Symptome einer Krise (Teil 2 der Vortragsreihe)

Liebe Kulturfreunde, herzlich willkommen  zum zweiten Vortrag meiner neuen Reihe „Das sterbende Krankenhaus“, in dem wir uns heute den Symptomen zuwenden wollen. Dazu müssen wir uns leider mit etwas trockenen Statistiken herumschlagen, die allerdings für das Gesamtverständnis durchaus als wichtig erscheinen. Wir wollen mit den Gesamtzahlen beginnen.

Ausmaß der Schließungen

In Deutschland gibt es derzeit im Januar 2026 etwa 1680 Krankenhäuser. Im Jahr 2000 waren es noch etwa 2200. Das bedeutet, in einer Generation, also 25 Jahre, sind etwa 520 Krankenhäuser verschwunden, also rund ein Viertel. Dabei ist die Geschwindigkeit wichtig, denn das passiert nicht linear. In 2000 bis 2010 gab es etwa 20 bis 30 Schließungen pro Jahr und in 2020 bis 2025 etwa 40 bis 50 Schließungen pro Jahr. Das ist nicht nur steigend, wir sehen die Beschleunigung nimmt zu.
In Bezug auf die Bettenzahl bedeutet das insgesamt einen Verlust von etwa 80.000 Krankenhaus-Betten. Und auch hier ist die Verteilung nicht gleichmäßig.

Wenn man eine Karte Deutschlands nimmt und die Krankenhausschließung der letzten 15 Jahre einzeichnet, entsteht ein Muster, das unmissverständlich ist. Landkreise ohne Metropolen verlieren massiv. Große Städte gewinnen und halten relativ stabil.

Schauen wir uns meine physische Heimat an, das Ruhrgebiet. Das Ruhrgebiet ist eine Region mit etwa 5,3 Millionen Menschen. Der größte Ballungsraum Deutschlands und der fünfgrößte der EU.
Aber es ist nicht eine Stadt. Es sind viele kleine und mittlere Städte. Gelsenkirchen, Essen, Bottrop, Herne, Recklinghausen und ja auch Dortmund.
2005 gab es im Ruhrgebiet etwa 95 Krankenhäuser. 2025 sind es 67. Das ist ein Rückgang von knapp einem Drittel. Und dieser Rückgang ist nicht gleichmäßig verteilt. Die großen Kliniken in Dortmund und Essen bleiben stabil oder wachsen. Die mittleren und kleinen Häuser in den Satellitenstädten schließen. Ein konkretes Beispiel dazu: Die Stadt Herne mit etwa 160.000 Einwohnern hatte 2005 drei größere Krankenhäuser. 2025 hat sie noch ein großes und ein kleines spezialisiertes. Das bedeutet, Menschen in Herne fahren jetzt für manche Behandlungen nach Essen oder Dortmund 15 bis 30 km weiter.

Schauen wir nach Ostdeutschland. Die fünf mittlerweile nicht mehr ganz neuen Bundesländer hatten nach der Wiedervereinigung eine relativ dichte Krankenhauslandschaft, weil die DDR dezentralisiert war. Nach 1990 folgte ein massiver Abbau. Die Bundesländer Mecklenburg, Vorpommern und Brandenburg mit zusammen etwa 3,2 Millionen Menschen hatten 1990 etwa 280 Krankenhäuser. 2025 sind es etwa 140, also nur noch die Hälfte, 50% Rückgang.
Mecklenburg-Vorpommern hat bis heute etwa 3000 Betten weniger als 1990, ein Rückgang von rund einem Drittel. – Das ist nicht Effizienzgewinn, das ist Versorgungsentzug.
Ein weiteres Beispiel, ein Landkreis in Mecklenburg Vorpommern, wie z.B. Demmin, hatte 2000 noch vier Krankenhäuser, verteilt auf mehrere Orte. 2025 hat er nur noch eins. Menschen müssen teilweise 60 bis 80 km weit fahren für die Grundversorgung.

Blicken wir auf einen weiteren Unterschied zwischen Stadt und Land. Bayern ist ein Musterbeispiel für regionale Ungleichheit. Die Städte München, Nürnberg, Augsburg, dort ist die Krankenhausdichte stabil oder wächst. Es gibt spezialisierte Zentren, es gibt Universitätskliniken, die Infrastruktur ist dicht. Das ländliche Bayern, Niederbayern, Oberpfalz, Allgäu, dort ist der Rückgang deutlich. Kleinere Krankenhäuser schließen und Spezialisierungen verschwinden. Menschen müssen deutlich weiter fahren.

Ein konkretes Beispiel, der Landkreis Kamm in der Oberpfalz mit etwa 130.000  Menschen hatte 2000 vier Krankenhäuser. 2025 hat er noch zwei, und beide sind sogar fusioniert unter einer gemeinsamen Verwaltung.

Verschwinden von Spezialisierungen

Ein wichtiger weiterer analytischer Punkt: Es verschwinden nicht nur beliebige Betten, es verschwinden spezifische Spezialisierungen, z.B. verschwinden Geburtshilfebetten überproportional.
2005 gab es in Deutschland etwa 950 Krankenhäusern mit Geburtshilfestationen. 2025 sind es etwa 580. Das ist ein Rückgang von etwa 40%.
Aber, und das ist wichtig: Die Geburtenzahlen sind nicht um 40% gesunken. Die Geburtenzahlen sind etwa gleich geblieben. Das bedeutet: Weniger Kliniken behalten mehr Geburten. Die Geburten konzentrieren sich also: 2005 rund 700.000 Geburten auf 950 Kliniken, durchschnittlich 737 Geburten pro Klinik, 2024 rund 700.000 Geburten auf 580 Kliniken. Das sind dann durchschnittlich 1240 Geburten pro Klinik. Die Kliniken selber sind nicht größer geworden, sie sind konzentrierter geworden. Kleine Geburtshilfestationen sind verschwunden, und Frauen fahren weiter für eine Geburt.

Psychiatriebetten verschwinden ebenfalls. Hier finden wir ein ähnliches Muster. Es gab 2005 etwa 450.000 Psychiatrie- und Psychosomatik-Betten in Deutschland. 2025 sind es etwa 380 000, ein Rückgang von ungefähr 15%. Aber der Bedarf ist nicht gesunken. Im Gegenteil, psychische Erkrankungen nehmen zu, Depression, Burnout, Angststörung, die Zahlen steigen.
Das bedeutet, Menschen mit psychischen Erkrankungen finden weniger spezialisierte Plätze. Sie werden abgewiesen. Sie gehen zum Hausarzt. Der Hausarzt kann aber keine spezialisierte psychosomatische Behandlung anbieten. Hinzukommt: Spezialisierte kleine Häuser verschwinden fast komplett.

Rheumakliniken, die es früher gab, heute sind sie selten geworden. Die onkologischen Spezialkliniken für seltene Erkrankungen, auch diese werden seltener. Die neurologischen Fachkliniken sind auch rückläufig.

Das passiert nicht aus medizinischen Gründen, das passiert aus ökonomischen Gründen. Und das sehen wir dann im nächsten Vortrag. Die Folge ist: Spezialisiertes Wissen konzentriert sich in großen Zentren. Ein Patient mit seltener rheumatischer Erkrankung kann nicht mehr lokal spezialisiert behandelt werden.

Kommunale Krankenhäuser am häufigsten

Ein wichtiger weiterer analytischer Punkt ist, dass es im Bezug auf die Häufigkeit mit der Krankenhäuser-Schließung ein klares Muster bezüglich der Trägerschaft gibt. Und zwar, öffentliche Krankenhäuser schließen am häufigsten. Etwa 70 bis 75% aller Schließungen sind öffentliche Häuser und das bevorzugt im ländlichen Bereich.

Warum? Weil öffentliche Träger unter Haushaltsdruck sind. Wenn ein Krankenhaus Verlust macht – und unter DIAGI-Logik (?) machen kleine Häuser oft Verlust – dann muss die Kommune zahlen, und Kommunen haben halt begrenzte Budgets. Kommunen schließen also ihre Häuser, wenn sie nicht rentabel sind. Gemeinnützige Träger wie die Caritas, Diakonie, Arbeiterwohlfahrt, die schließen weniger häufig. Gemeinnützige Träger, das sind etwa 15 bis 20% der Schließungen, haben andere Finanzierungsmöglichkeiten. Sie können Stiftungsmittel nutzen. Sie können weniger rentable Häuser dadurch länger halten, weil sie unter Umständen nicht jedes Jahr schwarze Zahlen schreiben müssen.

Die großen Träger wie Helios, Asklepios, Ameos und wie sie alle heißen, die schließen sehr selten. Stattdessen fusionieren sie.
Ein Beispiel dazu: Helios kauft ein kleineres Krankenhaus in der Region auf. Das Krankenhaus schließt formal, aber wird Teil des Helios-Verbundes. Es heißt jetzt Heliosklinik XY. Es ist formal weiterhin offen, aber unter Helios-Verwaltung.
Statistisch werden diese Fusionen nicht als Schließung gezählt. Aber faktisch: Dezentralisierte private Träger verschwinden und große Konzerne wachsen.
Das Ergebnis ist: Während öffentliche kleine Häuser schließen, konzentriert sich private Trägerschaft in großen Konzernketten.

Geschwindigkeit

Ein wichtiger Punkt, den man übersieht: Die Geschwindigkeit der Entscheidungen nimmt zu. Früher vor, sagen wir mal 15 Jahren, wenn ein Krankenhaus Probleme hatte, gab es oft lange Debatten, Planungsprozesse, eine Übergangszeit. Eine Stadt hatte vielleicht zwei bis drei Jahre Vorlauf, um sich vorzubereiten. Heute entscheidet der Träger, und in wenigen Monaten ist es umgesetzt. Ich will zwei Beispiele anführen:

Ein großes Krankenhaus im Westerwald, also in Rheinlandfalz, ein 200-Bettenhaus mit Geburtshilfe, Chirurgie, innere Medizin, ein wichtiges Versorgungszentrum für die Region. Die Trägergesellschaft entscheidet 2023: Das Haus ist nicht mehr rentabel. Es wird mit einem anderen Haus fusioniert. Die Geburtshilfe wird geschlossen. Die stationäre Psychiatrie wird geschlossen. Nur noch Grundversorgung.
Das Timing: Entscheidung im Mai, Umsetzung im September. Das sind gerade mal vier Monate.
Menschen vor Ort hatten keine Chance, sich vorzubereiten. Es gab keine Debatten. Es gab einzelne Proteste, aber die halfen nicht.

Ein weiteres Beispiel, ein Krankenhaus in Niedersachsen. Ein 150-Bettenhaus mit Geburtshilfe, Orthopädie, Allgemeinmedizin. Der Träger, ein gemeinnütziger Träger, entscheidet: Wir können das nicht mehr finanzieren. Der Prozess: Ankündigung im Juni, Schließung im Dezember. Das sind dann mal sechs Monate. Die Geburtshilfestation ist nun Geschichte. 500 Geburten pro Jahr finden seit 2025 30 km weiter weg statt, und 400 Mitarbeiter brauchten einen neuen Job. Das ist die neue Dynamik. Schnelle Entscheidungen, keine langen Vorbereitungszeiten.
Ein beunruhigender Trend.

Fachkräfte verlassen die Region

Wo Krankenhäuser schließen oder schrumpfen, verlassen Fachkräfte die Region, auch im ambulanten Bereich. Ein Landkreis in Sachsen-Anhalt, relativ ländlich, rund 180.000 Einwohner, hatte 2005 etwa 85 niedergelassene Ärzte mit einer Allgemeinpraxis. 2025 hat dieser Landkreis etwa 52 Ärzte. Das ist ein Rückgang von 39%. Parallel dazu wurde wurden zwei Krankenhäuser geschlossen. Ein drittes wurde stark reduziert.
Das ist kein Zufall. Ärzte, die dort ausgebildet wurden, gehen weg, sie suchen sich Jobs in größeren Städten. Das Krankenhausnetzwerk wird schwächer, also noch weniger Anreiz für Ärzte zu bleiben.

Ein ähnliches Phänomen in Regionen mit Krankenhausverlust ist der Pflegekräftemangel akut. Ein Bundesland wie Brandenburg, sehr von Schließung betroffen, hat einen Pflegekräfte-Leerstand von 12 bis 15%. Bundesweit sind es nur 10 %. Es ist also deutlich höher als der Durchschnitt. Warum?
Weil, wenn Krankenhäuser schließen, verlieren Pfleger ihren Job. Sie wandern ab. Sie gehen in andere Bundesländer, in Städte, in private Einrichtungen. Das schwächt die Versorgung weiter.

Was passiert mit den Gebäuden?

Und ein wichtiger praktischer Punkt: Was passiert mit den Gebäuden?

Szenario 1: Das Gebäude steht leer. Viele Krankenhausgebäude, speziell alte, sind nicht leicht umzunutzen. Ein Krankenhaus hat Labore, OP-Säle, Infrastruktur für die medizinische Versorgung. Das ist nicht einfach zu einer Schule oder einem Bürogebäude umzubauen. Also steht das Gebäude leer. Es verfällt. Es wird zu einer Ruine, einer Ruine im Stadtbild.
Hier ein konkretes Beispiel. Ein Krankenhaus in einer Stadt in Nordrhein-Westfalen, Baujahr 1960, wird 2022 geschlossen. Das Gebäude steht immer noch leer. 2026. Jetzt wird es schrittweise abgerissen. – Das schafft bei den Bürgern den psychologischen Eindruck: Die Stadt wird verlassen,
und die Infrastruktur wird abgebaut.
Ein anderes Szenario, das Gebäude wird zweckentfremdet. Manchmal werden Krankenhausgebäude zu Flüchtlingsunterkünften oder Sozialwohnungen.

Das ist grundsätzlich von der Idee ja ganz gut. Es braucht ja Unterkünfte, aber es ist nicht das, was die Stadt braucht. Eine funktionierende Versorgungsinfrastruktur wird zu sozialen Unterkünften. Das ist ein Statuswechsel von einem Gesundheitszentrum zu einer Sozialunterbringung.
Das hat auch psychologische und auch reale Konsequenzen.

Was bedeuten die Schließungen für die Menschen?

Jetzt müssen wir konkret werden. Was bedeutet das für die Menschen? Schauen wir uns den Notfallpatienten an. Ein älterer Mann, 72 Jahre, hat einen Herzinfarkt. Er lebt in einer ländlichen Region etwa 20 km vom nächsten Krankenhaus entfernt. Das Krankenhaus war früher 8 km weg. Der Unterschied: 2005 fährt der Rettungswagen 8 km in 12 Minuten. Ankunft vielleicht nach 20 Minuten. Schnelle Behandlung. 2026 fährt der Rettungswagen 20 km. 28 Minuten. Ankunft nach 35 Minuten total. Das Fenster für lebensrettende Therapie,  es ist erheblich enger.
Das ist nicht theoretisch, das ist real. Bei Herzinfarkt und Schlaganfall ist jede Minute entscheidend. 15 Minuten zusätzliche Fahrt können bedeuten: Bleibender Schaden oder vielleicht auch gar keine Hilfe mehr möglich.

Szenario 2: Ganz klassisch, die Geburt. Eine 28-jährige Frau ist schwanger. Sie lebt in einer Stadt mit 8000 Einwohnern. Früher Geburtshilfe im Ort 5 km, jetzt Geburtshilfe 30 km entfernt. Sie bekommt Wehen, sie fährt los. Unterwegs nach 15 Minuten Fahrt gibt es Komplikationen. Sie kann nicht weiterfahren. Sie ruft den Notarzt. Der Notarzt ist 12 km entfernt. Er kommt, aber Mutter und Kind sind in Not. Hätte es eine Geburtshilfe vor Ort gegeben, wäre das anders gelaufen. Das passiert vielleicht nicht täglich, aber es passiert, und es passiert immer häufiger, je weiter die Entfernung wird.

Szenario 3 ist die chronische Erkrankung. Ein 55-jähriger Mann hat rheumatische Polyarthritis. Das ist eine komplexe Autoimmun-Erkrankung. Er braucht spezialisierte rheumatologische Versorgung. Früher gab es eine Rheumaklinik, die war 50 km weg. Er konnte hinfahren, spezialisierte Behandlung bekommen. Jetzt ist diese Rheumaklinik geschlossen. Der 68-jährige Facharzt für Rheumatologie in seiner Heimatstadt hat eine Warteschlange von 3 bis 4 Monaten. Außerdem will er langsam mal in Rente gehen. Die spezialisierte stationäre Behandlung ist 120 km entfernt.
Was tut der Patient? Er geht oft zum Hausarzt. Der Hausarzt macht, was er kann, aber das ist nicht spezialisiert. Die Erkrankung wird wahrscheinlich nicht optimal behandelt.

Nehmen wir noch ein Szenario, den psychosomatischen Patienten. Eine 38-jährige Frau hat ein schweres Burnout. Sie braucht intensive psychosomatische Behandlung, nicht nur Therapie, sondern am besten eine stationäre Betreuung für zwei bis drei Wochen. Früher gab es eine psychosomatische Fachklinik in der Region. Die sind jetzt alle geschlossen oder massiv reduziert. Sie kann keine spezialisierte stationäre Behandlung bekommen. Sie muss eine ambulante Psychotherapie machen, aber das ist nicht dasselbe. Sie bleibt krank, sie kann nicht arbeiten. Vielleicht wird sie chronisch arbeitsunfähig. Es gibt verschiedene Musterregionen, die unterschiedlich betroffen sind.

Kommen wir noch mal auf meine Heimat, das Ruhrgebiet zurück. Hier finden wir so das klassische Ruhrgebiets-Muster: Alte Industrieregion mit Bevölkerungsrückgang. Alte Industrieregionen wie das Ruhrgebiet, das Saarland, Teile von NRW, sie verlieren Bevölkerung. Junge Menschen gehen weg. Es bleibt eine ältere, kleinere Bevölkerung. Das führt zu Krankenhausschließung, weil die Gesamtpatientenzahl sinkt. Aber die Ironie der Geschichte: Die verbleibende ältere Bevölkerung braucht mehr ärztliche Versorgung. Das Resultat: weniger Infrastruktur, aber mehr Bedarf. Das kann dann schon in eine echte Notlage ausarten.

Einen zweiten Typ, das ländliche Flächenland. Hier haben wir Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Teile von Bayern. Ländliche Flächenländer. Dort gibt es eine Ausdünnung der Infrastruktur. Die verbleibende Bevölkerung ist zerstreut. Zentrale Versorgung ist schwer zu machen. Früher gab es viele kleine dezentrale Häuser, jetzt wenige große, zentralisierte Kliniken. Menschen müssen deutlich weiter fahren.

Und dann haben wir die Metropolregionen wie Berlin, München, Frankfurt. In großen Städten findet eine Konsolidierung zu Spezialzentren statt. Es gibt noch viele Krankenhäuser, aber sie sind konzentriert. Spezialisierte Zentren wachsen. Es gibt zu viele Ärzte, nicht zu wenige.

Die Asymmetrie ist deutlich, Metropolen haben Fülle, Flächenland hat Mangel.

Wenn wir nun diese ganzen Trends extrapolieren, wenn es so weitergeht, wie die letzten 10 Jahre zeigen, was sehen wir dann in 10 Jahren? Die neue offizielle Krankenhausreform plant ja weitere Zentralisierung. Es werden neue Versorgungsstufen definiert, nur große Zentren dürfen bestimmte Spezialisierungen machen.

Meine Prognose – und nicht als Angstmache, sondern als mathematische Extrapolation -:
In 10 Jahren, also 2036, wird es in Deutschland etwa 1200 bis 1300 Krankenhäuser geben. Das ist schon wieder ein Drittel weniger als heute. Die geographische Verteilung wird noch ungleicher sein. Metropolen werden vielleicht im Rahmen der Konsolidierung 10 % verlieren. Ländliche Räume ca. 40 bis 50%. Ein drastischer Rückgang. Einmal tief durchatmen.

Das waren jetzt erstmal die Fakten, Zahlen, Muster, Geographie. Die zentrale Frage, die hinter all diesen Fakten steht, ist: Das passiert, weil es natürlich notwendig ist. –
Oder ist es eine strukturelle Entscheidung? Sind es die Symptome einer unvermeidbaren Entwicklung. oder sind es Symptome einer Krankheit, einer systemischen Fehlentwicklung?

Das soll die Frage sein für die kommenden Vorträge. Denn wenn es Symptome einer Krankheit sind, dann kann man die Krankheit heilen. Man muss verstehen, was die Krankheit ist, und dann kann man sie behandeln.
Wenn es natürlich notwendig ist, dann müssen wir das akzeptieren. Dann ist es Anpassung, und es gibt keine Heilung.

Damit sind wir für heute am Ende der Ausführungen angekommen.

Vielleicht denkt Ihr mal bis zum nächsten Vortrag über folgende Fragen nach:

1.   Welche dieser Veränderungen oder Schließungen kennst du aus deiner eigenen Region? Was sind die Auswirkungen, die du beobachtest oder selbst schon am eigenen Leib sogar erfahren hast?
2.   Zweite Frage: Wenn die Geburtshilfe plötzlich 30 km entfernt ist, statt 5 km, siehst du das als normalen Fortschritt oder als Problem? Ist das Effizienz oder ist das Versorgungs-Verschlechterung? Und zu guter Letzt die Frage:
3.   Was bitte ist Grundversorgung?

Bis zum nächsten Mal.

Euer Christoph Heinritz-Bechtel.

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*1. Vortrag siehe:
https://fassadenkratzer.de/2026/04/13/die-krise-der-sterbenden-krankenhauser/

Quelle Teil 2:
https://www.youtube.com/watch?v=J1o-zwIrWhQ

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Anmerkung hl: Siehe zum Themenkomplex auch:
https://fassadenkratzer.de/2024/05/06/krankenhaus-schliesungen-kosten-menschenleben/

 

Avatar von Unbekannt

Autor: hwludwig

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