In einem vorigen Artikel wurde die exponentielle Geldvermehrung durch den Zinseszins beschrieben. Sie führt dazu, dass ständig unmerklich ca. 50 Prozent aller Preise in Form von Zinskosten an die Geldverleiher fließen. Die große Masse der Menschen ist gezwungen, etwa die Hälfte des eigenen Einkommens für den Zinskostenanteil zu zahlen, der in allen Produkten und Dienstleistungen steckt und der letztlich den Kreditgebern, den Reichen zufließt, die – unter anderem – deshalb so reich sind und sie immer ärmer. Die Menschen sind zwar rechtlich keine Sklaven mehr, müssen aber zur Hälfte für Andere im Hintergrund arbeiten, die keine Gegenleistung erbringen. Das Zinssystem ist wesentlicher Teil einer riesigen Umverteilungsmaschine.
Ich komme hier wieder auf den Waldorflehrer Dr. Valentin Wember zurück, der all diese Zusammenhänge trefflich analysiert hat.1
Er bringt die Sache wie folgt ins Bild (S. 53):
„Man schaue sich die Wolkenkratzer der Banken an. Sie sind ein Symbol dessen, wohin die Zinsen fließen.2 Es sind durch Zinszahlungen und Börsengewinne aus aller Welt aufgetürmte Stahl- und Glasberge.“
Frankfurt/M
Neben den Banken gehören vor allem die Besitzer großer Kapitalsummen zu den finanziellen Gewinnern des Zinsprinzips. Man stelle sich nur den einfachen Fall vor: „Wer zum Beispiel 100 Millionen besitzt und sich diese 100 Millionen mit nur einem Prozent jährlich verzinsen lässt, erhält jährliche Zinseinkünfte von 1 Millionen. Wer sich eine Milliarde verzinsen lässt, erhält jährliche Zinseinkünfte von 10 Millionen.“
Dabei ist das nur eine Rechnung mit einfachem Zins, ohne Zinseszins. Diese Beträge müssen andere Menschen durch ihre Arbeit für die Geldgeber aufbringen.
„Dorthin wandern in einer globalisierten Welt die Zinszahlungen der Weltbevölkerung. Jeder Einkauf einer Ware enthält sozusagen eine ´50-Prozent-Abgabe` an Banken und Superreiche.“
Denn selbstverständlich geben die Unternehmen, Kaufleute, Vermieter die Zinsen, die sie für notwendige Kredite zahlen mussten, an die Käufer und Mieter weiter, indem sie die Preise entsprechend erhöhen.2
Dr. Wember weist daraufhin, dass sich an deutschen Tankstellen hin und wieder ein Aufkleber an der Zapfsäule über den Anteil der Steuern am Spritpreis findet (48 Prozent). „Ein ähnlicher Aufkleber auf jedem Produkt – vom Auto über das E-Bike bis zur Konservendose im Supermarkt – würde lauten:
´50 Prozent des Preises sind versteckte Zinsen, die sie an Banken und die großen Kapitalbesitzer zahlen.`
Oder:
„Der Preis für dieses E-Bike beträgt 2.500 Euro. 1.250 Euro davon sind Ihre Abgabe an Banken und Superreiche. Ohne diese Abgabe würde das Bike 1.250 Euro kosten.`
Man könne sich leicht vorstellen, was passieren würde, wenn der Besitzer eines Fahrradgeschäftes diesen Aufkleber auf alle im Ausstellungsraum ausgestellten Fahrräder kleben würde.
„Im Endeffekt ist unser Zinsprinzip eine gigantische Geld-Umverteilungs-Maschine. Die saugt mit einem verschleierten Rüssel das Geld bei jedem Kauf aus den Taschen der einfachen Bürger und schaufelt es zu den Banken und Superreichen.“
Rudolf Steiner hat arbeitslose Einkommen „ein Geschwür“ am sozialen Organismus genannt.3
Im Grunde, so V. Wember weiter, sei das Zinsprinzip ein verkappter Feudalismus. Vor der Französischen Revolution habe der Bauer an seinen Feudalherren transparent Abgaben zahlen müssen. Im Zins-Feudalismus funktioniere das Abgabenprinzip verschleiert bei jedem Einkauf. Der historische Feudalismus sei offiziell in der Französischen Revolution abgeschafft worden – in Frankreich 1791, in anderen europäischen Ländern etwas später. Aber er habe sich in einen viel smarteren Feudalismus verwandelt und lebe seither darin unerkannt weiter – größer und monströser, als er im Ancien Régime je gewesen sei.
Die Geldschöpfung der Banken
Das Vorstehende ist unter der Voraussetzung geschrieben, dass reales Geld verliehen wird. Das ist aber bei den Banken heute zum größten Teil noch nicht einmal der Fall. Die meisten Kredite sind aus dem Nichts geschöpft. Die Konsequenzen werden in meinem Artikel „Die Geldschöpfung der Banken …“ geschildert, aus dem ich nachfolgend die wichtigsten Sätze wiedergebe. Zum Näheren muss auf die Lektüre des Artikels verwiesen werden. Siehe: https://fassadenkratzer.de/2014/06/20/die-geldschopfung-der-banken-lizenz-zum-legalen-betrug/
Weitaus die meisten Menschen gehen davon aus, dass die Banken nur das Geld weiterverleihen, das bei ihnen angelegt, ihnen also als Darlehen anvertraut ist. In Wahrheit dürfen die Banken ein Vielfaches davon als Kredit ausgeben, obwohl sie so viel Geld gar nicht haben. Sie besitzen das einzigartige Privileg, selbst Geld aus dem Nichts zu schöpfen und gegen Zinsen auszuleihen. Mit jedem Kredit durch eine Bank entsteht neues Geld: Buch- oder Giralgeld, das als Buchungsvorgang auf dem Girokonto erscheint und das Geldvolumen vermehrt.
Es wird also etwas plötzlich als Geld ausgegeben, das als reales Geld bei der Bank vorher nicht vorhanden war. Es handelt sich daher auch nicht um ein Darlehen, das dem Begriffe nach einen Eigenbesitz voraussetzt, der nun zeitlich befristet ausgeliehen wird. Es wird eine „Art Kreditvergabe“ geschaffen, die dem ursprünglichen Wortsinne nach (lat. credere = glauben) tatsächlich nur auf dem Glauben, der Annahme beruht, dass es sich um Geld handele.
Die Banken müssen nur eine Eigenkapital-Quote von z.Zt. 8 % erfüllen (s. Bundesbank), was bedeutet, dass eine Bank für 80 € Eigenkapital 1.000 € Kredit vergeben kann.
Die Giralgeld-Schöpfung der Geschäftsbanken ist ein reiner Schreibvorgang auf den Konten der Bank, die dazu über keinerlei Zahlungsmittel verfügen. Ebenso stellen die Rückzahlung (Tilgung) oder ein Kreditausfall bloße Schreibvorgänge dar, wodurch das aus dem Nichts geschöpfte „Geld“ wieder im Nichts verschwindet. Dass nur Geld von Sparern verliehen werde, ist ein Irrglaube, der „von den Banken aufrechterhalten wird, um ihre Vorteilsnahme infolge der Giralgeldschöpfung zu verschleiern“ (Horst Seiffert).
Gewährt die Bank z.B. einen „Kredit“ von 100.000 €, braucht sie nur eine Eigenquote von 8 % an eigenem echten Geld vorzuhalten, also 8.000 €. Erhebt sie von dem aus dem Nichts geschöpften Kredit von 100.000 € einen Zins von 8 %, ergibt das in einem Jahr Einnahmen (ohne Zinseszins) von 8.000 €. Das ist noch einmal der Betrag des eingesetzten Eigenkapitals. Die Bank macht also einen Zinsgegewinn von 100 %. Zinseszins entsteht erst, wenn Zinszahlungen ausbleiben und diese dem Kapital zur weiteren Verzinsung zugeschlagen werden.
Bei einem eingeräumten Kredit aus geduldeter Überziehung erbringen 13,75 % einen Zinsgewinn von 13.750 € im Jahr, also 172 % des nur eingesetzten Eigenkapitals von 8.000 €.
Hier von Wucher zu reden, wäre eine Verharmlosung des tatsächlichen Vorganges.
Hat die Bank einen Verlust, wenn ein Kredit nicht zurückgezahlt wird? Da „der gesamte Kreditbetrag als Giralgeld vor der Kreditvergabe überhaupt noch nicht existierte (er wird ja als Buchgeld erst bei der Kreditvergabe erzeugt), kann eine Bank aus wirtschaftlicher Sicht bei Kreditausfall auch niemals einen Verlust erleiden.“ (Hörmann a.a.O., S. 7) Daher sind für die Banken nicht die Tilgungen der Kredite das Wesentliche, sondern die Zinseinnahmen. „Ziel der Banken ist es immer, Kunden möglichst lange in der Zinszahlungspflicht zu halten.“ (Weik/Friedrich: Der größte Raubzug, S. 28, 29)
Andererseits stehen einem bloßen Buchungssatz der Banken ohne eigenen Wert regelmäßig wirtschaftliche Werte des Kreditnehmers wie Grundstücke gegenüber, die dieser als Sicherheiten bereitstellen bzw. an die Bank verpfänden muss. Kann er den Kredit nicht zurückzahlen, hat zwar die Bank keinen Verlust, sie lässt aber aufgrund der eingetragenen Hypothek oder Grundschuld das Grundstück versteigern und streicht den Erlös ein. – Es ist ein System des Betruges, der kalten Enteignung, des legalisierten Raubes.
Diese Kritik ist eine Kritik des Systems, nicht der einzelnen Bank, die Teil des Systems ist. Und der einzelne Bürger ist auf irgendeine Bank angewiesen.
Die Ausbeutung der Entwicklungsländer
Dr. Wember macht noch auf eine globale Auswirkung des Zinsprinzips aufmerksam: die Verschuldung des globalen Südens (S. 46 f.).
„Ende 2018 beliefen sich die Auslandsschulden der sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer auf 7,8 Billionen US-Dollar (= 7.800 Milliarden). Durch die Covid-19 Lockdowns sind diese Schulden noch einmal drastisch gestiegen. Für diese Schulden haben die Entwicklungsländer Zinsen an die verschiedenen Geldgeber im Norden zu zahlen. Jahr für Jahr. Addiert man die Zinsen, die seit Jahrzehnten vom globalen Süden an die Geldgeber im Norden geflossen sind, so ist die Lage erschreckend absurd: Innerhalb von drei Tagen fließen mehr Zinszahlungen von den Entwicklungs- und Schwellenländern an die Geldgeber im Norden als in einem Jahr an Entwicklungshilfe vom Norden an den Süden. In Wahrheit alimentiert der Süden den Norden – nicht nur durch billige Rohstoffen nicht nur durch unfaire Handelsbedingungen 4, sondern vor allem durch Zinszahlungen.“ 5
Den armen Ländern würden hohe Kredite aufgedrängt, und dann werde mit verschiedenen sehr hässlichen Methoden dafür gesorgt, dass diese Kredite nicht getilgt werden können. So müssten Jahr für Jahr weiter Zinsen gezahlt werden. Die Folge sei, dass inzwischen viele Länder das Vierfache des Kreditbetrages in Form von Zinszahlungen an die reichen Länder überwiesen hätten.
„Es ist ein völliger Irrsinn: Der Wohlstand des Nordens ruht zu erheblichen Teilen – zusätzlich zu den billigen Rohstoffen – auf den durch Zinszahlungen gebeugten Schultern des Südens. Wollte man den Entwicklungs- und Schwellenländern wirklich auf die Beine helfen, gäbe es nur eins: Einen völligen Zins- und Schuldenerlass. Das wäre für den Norden die einzige noch halbwegs moralische Konsequenz.“
Zu dem düsteren Kapitel z.B., Preisdumping durch Subventionen für die europäische und amerikanische Landwirtschaft zu betreiben und dadurch die einheimische Landwirtschaft zu zerstören, sei auf Anmerkung 4 verwiesen.
Dr. Wember weist auf das Problem hin, dass die Staaten des Südens gegenüber dem Norden durch die zu zahlenden Zinsen in einer „toxischen Beziehung“ stecken. Was jeder Psychiater bei einer individuellen toxischen Beziehung rate, dass der seelisch schwächere Teil, der ausgenutzt werde, die Beziehung sofort radikal beenden müsse, gelte auch hier: Schluss machen.
Das Problem sei hier nur: Wenn das nur ein einzelner Staat mache, werde der Norden sofort einen Putsch inszenieren und diejenige Regierung stürzen, die es wage, aus einer toxischen Zinsbeziehung auszubrechen. Nur wenn sich alle Länder des Südens zusammentun und gleichzeitig auf einen Schlag Schluss machen, wäre der Norden militärisch überfordert.
Muammar al-Gaddafi habe in dieser Richtung gearbeitet, indem er so etwas wie die „Vereinigten Staaten von Afrika“ habe aufbauen wollen, die die Zinszahlungen an den Norden beenden und die sich ihr Öl und die anderen Rohstoffe nicht mehr in willkürlich gedruckten Dollars bezahlen lassen. Kein Wunder, dass Gaddafi im Westen erst als ganz übler „Hitler des Jahres“ geframt und dann eliminiert worden sei. Libyen habe man im Chaos zurückgelassen. Der kriminelle Zynismus dieser Aktion sei von Hillary Clinton gegenüber CNS mit einem sarkastischen Lachen in die Worte gebracht worden: „We came, we saw, he died“ (Wir kamen, wir sahen, er starb). 6
Man mache sich allerdings nichts vor. Würde der Süden seine Zinszahlungen einstellen, würde man das im Norden ebenso spüren, wie man derzeit an den gestiegenen Heiz- und Benzinkosten spüre, dass kein billiges Gas mehr aus Russland kommt. Wenn in vergleichbarer Weise der Zins-Zustrom aus dem Süden gestoppt würde, träfe das den Norden empfindlich. Und vermutlich sei vielen Menschen dann ihr eigenes Hemd näher als der Mantel des Mitgefühls.
Doch wenn andererseits auch im Norden das Zinsprinzip falle, werde ja ein großer Kostenteil dramatisch reduziert.
In einer Gesellschaft ohne das Zinsprinzip steige der Wohlstand der gesamten Bevölkerung dermaßen stark, dass mehr als genug Geld zur Verfügung stehe, um die Länder des Südens nicht nur aus ihrer toxischen Beziehung zum Norden zu befreien, sondern um darüber hinaus mit den Rückzahlungen und der Wiedergutmachung der kolonialen Ausbeutung zu beginnen. Jede „Dekolonisierung“ ohne die Abschaffung des Zinsprinzips sei Augenwischerei.
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1 Valentin Wember: Dreigliederung leben, Stratosverlag Tübingen, 2. Aufl. 2024, S. 40 ff.
2 Näher siehe Anm. 1
3 Rudolf Steiner: Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus, GA 24, S. 215.
Der dort verwendete Ausdruck „Rentenbesitzer“ meint nicht Rentner im heutigen Sinne, sondern Empfänger „arbeitslosen Einkommens“, mit dem auch nicht „Arbeitslosengeld“ gemeint ist, sondern Einkünfte, für die man nicht arbeiten muss.
4 Vgl. – https://fassadenkratzer.de/2015/02/13/der-internationale-wahrungsfonds-iwf-und-die-ausbeutung-der-entwicklungslander/
– https://fassadenkratzer.de/2016/03/09/die-ausbeutungs-methoden-des-iwf/
5 Anm. V. Wember: „Wie die grausame Geschichte funktioniert, kann man im Detail bei Jean Ziegler
nachlesen: Jean Ziegler: Der Hass des Südens auf den Norden.
6 https://www.youtube.com/watch?v=mlz3-OzcExI
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