Die Krise der sterbenden Krankenhäuser

In Deutschland schließen jedes Jahr Dutzende Krankenhäuser – leise, Schritt für Schritt. Dieses Phänomen sieht der erfahrene Arzt Dr. Christoph Heinritz-Bechtel als Symptom einer tiefer liegenden Krise, dem er in einer Reihe von Video-Vorträgen nachgeht. In einem ersten Impulsvortrag stellt er sich die Frage: „Was sagt dieses Krankenhaussterben über uns als Gesellschaft – über unser Bild vom Menschen, von Heilkunst, von Würde?“ Und „warum lassen wir das zu – und was würde passieren, wenn wir anfangen, anders zu denken?“ Es ist der Auftakt, der sich intensiv mit der Fragestellung und konkreten Lösungsansätzen beschäftigt. Ich bringe nachfolgend mein Transkript des ersten Vortrages. (hl) 

Dr. Christoph Heinritz-Bechtel (Youtube)

Das sterbende Krankenhaus – die Krise der Heilkunst.
Impulsvortrag zur Videoreihe

von Dr. med. Christoph Heinritz-Bechtel


Liebe Kulturfreunde, ich bin nun seit über 30 Jahren Arzt, und habe im Übrigen noch nebenbei unter anderem Erkenntniswissenschaft, angewandte Betriebswirtschaftslehre für unternehmerisch tätige Ärzte und (…?) Sozialwissenschaft studiert.

Ich möchte heute mit einer Beobachtung beginnen, die mich nicht loslässt. Seit gut zwei Jahren sammle ich Zeitungsmeldungen. Alle erzählen das gleiche Muster sachlich, fast beiläufig: Die Rheumaklinik Dr. Lauen wird geschlossen, die Parkklinik Hornbach ist insolvent, die Heliosklinik Oberwald wird dicht gemacht im Zuge des sogenannten neuen Clustermodells.

Man könnte das als tragische Einzelfälle lesen, aber es offenbart sich ein anderes Bild. Im Jahr 2024 wurden 23 Krankenhäuser geschlossen. 2025 waren es bereits über 40. Das sind nicht nur Nummern in einer Statistik, das ist 40 Mal im Jahr eine ganze Institution, die aufgelöst wird, 40 Mal die Frage: Wo gehen die Pflegenden hin, die Ärzte, wo können Schwangere zur Geburt hingehen? Wo können alte Menschen mit Schmerzen nun behandelt werden?

Und es gibt aber ein Muster. Es sind nicht die großen Zentren, die schließen. Es sind oft die kleinen spezialisierten Häuser, die Rheuma-Fachklinik, die psychosomatische Klinik. Und dabei zeigt sich geografisch auch ein Muster: Sachsen, Thüringen, ländliche Regionen, die Flächenländer bluten aus. Während Berlin und München ihre Kliniken behalten, verliert eine Stadt wie Lahnstein – Lahnstein hat rund 19 000 Einwohner – 2024 ihr ganzes Krankenhaus, ein Krankenhaus, das es über 100 Jahre gab.

Wer sind die Träger dieser geschlossenen Häuser? Kirchliche Organisationen, städtische und kommunale Träger, kleine Stiftungen, genau die, die am wenigsten profitorientiert sind.

Das ist keine Krise, das ist strukturierte Auflösung.

Was sind die Symptome, die zu diesen Schließungen geführt haben? Das Symptom sagt oberflächlich: „Finanzielle Probleme, Fachkräftemangel, kleine Häuser sind ineffizient.“
Das ist durchaus wahr. Aber es ist wie Fieber. Das Symptom ist nicht die Krankheit. Die eigentliche Krankheit ist tiefergehend. Das ist die Frage, wie wir als Gesellschaft entschieden haben, was ein Krankenhaus ist.

1992 führten wir die DRGs ein – Diagnosis Related Groups. Plötzlich war jeder Patient eine Fallnummer. Ein Herzinfarkt wurde zu einer Pauschalvergütung von etwa 8000 €. Egal wie alt der Patient ist, egal welche Begleiterkrankungen er hat, das war rational, transparent, aber es hat etwas Fundamentales verändert. Das Krankenhaus wurde nicht mehr als Heilstätte gesehen, sondern es wurde zu einem Betrieb. Und in einem Betrieb gilt die Betriebswirtschaft.

Wenn die Fallpauschale 6000 € beträgt und die Behandlung kostet 7000 € dann machst du Verlust. Also wird Spezialisierung eliminiert, psychosomatische Abteilung schließen, weil sie Zeit brauchen, also durchaus nicht rentabel sind. Eine Rheumaklinik wird dicht gemacht, weil die Patienten nicht skalierbar sind. Das Ergebnis ist Aufsplitterung. Der Patient mit Depression und chronischem Schmerz wird zerlegt: Depression geht in die Psychiatrie, Schmerz zur Schmerzambulanz. Vielleicht kriegt der Chirurg auch noch was ab. Das ist das Gegenteil von Heilkunst. Das ist Verwaltung von Krankheit.

Und jetzt wird es interessant. Dr. Rudolf Steiner machte vor rund 100 Jahren eine Beobachtung. Er sagte: „Eine gesunde Gesellschaft hat drei voneinander unabhängige Glieder, die zusammenwirken, aber nicht ineinander übergreifen. Das Geistesleben: Bildung, Wissenschaft, Heilkunst braucht Freiheit. Das Rechtsleben: Gerechtigkeit, Mitsprache braucht Gleichheit. Das Wirtschaftsleben: also Produktion, Verteilung und Verbrauch braucht Assoziation. (Vgl. https://sozialedreigliederung.org/)

Was wir gerade erleben, ist die Übergriffigkeit der Ökonomie ins Geistesleben, in die Heilkunst. Sie wird plötzlich nach Rentabilität beurteilt, nicht nach echtem Heilen. Und gleichzeitig haben wir die fehlende Mitsprache im Rechtsleben. Wie viel Mitsprache hatten die Bürger bei den meisten Schließungen? Null. Wie viel die Ärzte? Keine. Die Entscheidung fiel von oben ohne die Betroffenen zu fragen. Das ist strukturelle Gewalt.

Und dann ist da noch das Wirtschaftsleben selbst. Wir sehen aktuell nur zwei Optionen. Entweder regelt der sogenannte Markt die Situation oder der Staat, z.B. mit dem Krankenhaus-Versorgungs-Verbesserungsgesetz. Beide instrumentalisieren Heilkunst, statt ihr in diesem Falle zu dienen.

Es gibt noch eine dritte Option, die kaum bis gar nicht institutionalisiert ist, und die werde ich euch in dieser Vortragsreihe vorstellen. Was bedeutet diese dritte Option konkret? Sie könnte bedeuten, die Rheumaklinik wird nicht geschlossen, dann neu finanziert. Nicht, weil sie pro Patient rentabel ist, sondern weil eine Gesellschaft sagt, wir brauchen Rheuma-Expertise, das ist ein Wert für uns. Wir zahlen dafür. Sie könnte bedeuten, ein Krankenhaus bleibt erhalten, nicht mit allen Leistungen, aber mit den Basics Notfall, Geburtshilfe, Grundversorgung, nicht finanziert aus Fallpauschalen, sondern aus einem anderen Menschenbild heraus. Sie könnte bedeuten, Stiftung, Genossenschaften, Selbstverwaltungsmodelle, Organisationen, die keinem privaten Gewinninteresse unterliegen und auch nicht der Staatsbürokratie unterworfen sind, werden ermöglicht oder gefördert.

Das ist nicht utopisch, es ist schwer, aber es ist möglich. Und das bringt mich zu der Frage, die dahinter steht und die wirklich zentral ist. Das Wort ist gerade schon gefallen, nämlich: Was ist unser Menschenbild? Wenn ein Patient nur wertvoll ist, wenn er Geld bringt, sagen wir: Nur das Profitable ist lebenswert.

Wenn Entscheidungen über Gesundheit angeblich zu komplex für normale Menschen sind, sagen wir: Menschen sind dumm und können nicht mitentscheiden. Wenn das Krankenhaus 45 km weg sein muss, sagen wir: Effizienz ist wichtiger als Beziehung, Kosten sind wichtiger als Vertrauen.

Aber es gibt ein anderes Menschenbild, ein Menschenbild, das sagt: Ein Mensch ist wertvoll, weil er ein Mensch ist. Ein Patient mit seltener Krankheit ist genauso wertvoll wie einer mit einer häufigen. Ein alter Mensch mit vielen Erkrankungen ist genauso wertvoll wie ein junger Mensch. Und Menschen sind vertrauenswürdig. Sie können über Dinge mitentscheiden, die sie betreffen. Sie machen nicht immer die rationale Entscheidung, aber sie machen Entscheidungen aus Liebe, aus Verantwortung, aus Mitgefühl. Und Beziehung und Nähe sind nicht Luxus. Sie sind sogar zentral für die Heilung.

Das Kliniksterben ist nicht das Symptom einer Mangelverwaltung. Es ist das Symptom einer fundamentalen Umdeutung dessen, was ein Krankenhaus ist, von einem Ort der Heilung zu einer Fabrik der Fallpauschalen.

Und nun die Frage: Wollen wir das oder wollen wir etwas anderes? Wenn wir etwas anderes wollen, dann braucht es nicht nur Reformen, es braucht eine Bewegung von unten. Bürger, Ärzte, Pfleger, die Kommunen, sie müssen sagen, wir bauen das anders. Aber dafür brauchen wir mehr als nur Impulse. Wir brauchen tiefere Analysen, konkrete Erlösungsansätze, nationale und internationale Beispiele, die Stimmen von Ärzten und Patienten vor Ort.

Das ist genau das, wofür ich diese Vortragsreihe geschaffen habe. Sie wird sich die einzelnen Probleme konkret anschauen. Sie wird die Dreigliederungslogik besprechen. Sie wird Lösungsansätze vorstellen, die schon funktionieren. Und sie wird die Frage stellen: Was können wir selbst tun?

Ich lade dich herzlich ein, diese Reise mit mir zu gehen.

Dein Christoph Heinritz Bechtel.

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Quelle:
https://www.youtube.com/watch?v=r2Mm8pQPuRQ

 

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Autor: hwludwig

herbert.w.h.ludwig@posteo.de

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