Im vorigen Artikel über den Bericht einer Verselbständigung eines KI-Modells und die damit verbundenen ungeheuren gesellschaftlichen Probleme und Gefahren habe ich bereits auf eine Meldung hingewiesen, dass Washington gewaltigen Druck auf die großen KI-Anbieter ausübe, ihre Modelle unbeschränkt für sämtliche militärischen Anwendungen freizugeben. Damit demonstrieren die politisch-militärischen Machthaber zugleich, wer die Kontrolle über die zivile KI-Entwicklung beansprucht. Es eröffnen sich düstere Perspektiven: KI-Modelle mit Eigenleben und selbständigem Urteil in unbegrenztem militärischen Einsatz. Doch Anthropic-CEO Dario Amodei widersetzt sich und zieht rote Linien.
Dario Amodei, CEO Anthropic, (Foto: Chris Ratcliffe / Bloomberg / Getty Images)
Der zeitliche Ablauf ist auffällig. Matt Shumer schrieb in seinem besprochenen Artikel, dass am 5. Februar 2026 zwei große KI-Labore gleichzeitig neue Modelle veröffentlicht hätten, die eigenständige intelligente Entscheidungen treffen könnten. Er berichtete am 9. Februar darüber. Bereits am 10. Februar fanden im Pentagon Gespräche mit OpenAI (ChatGPT), Anthropic (Claude), Google und Elon Musks XAI über den KI-Einsatz statt, wie Reuters am 11.2. meldete.1 Worum ging es da? Reuters schreibt:
„Das Pentagon drängt führende KI-Unternehmen wie OpenAI und Anthropic dazu, ihre KI-Tools in geheimen Netzwerken ohne viele der Standardbeschränkungen, die die Unternehmen für Nutzer anwenden, verfügbar zu machen.
Während einer Veranstaltung im Weißen Haus am Dienstag erklärte Emil Michael, Chief Technology Officer des Pentagon, gegenüber Führungskräften aus der Technologiebranche, dass das Militär darauf abzielt, die KI-Modelle sowohl in nicht geheimen als auch in geheimen Bereichen verfügbar zu machen, wie zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen berichteten.
Das Pentagon ´plant den Einsatz von KI-Fähigkeiten der neuesten Generation auf allen Klassifizierungsstufen`, erklärte ein Beamter, der anonym bleiben wollte, gegenüber Reuters.
Dies ist die jüngste Entwicklung in den laufenden Verhandlungen zwischen dem Pentagon und den führenden Unternehmen im Bereich generative KI darüber, wie die USA KI auf einem zukünftigen Schlachtfeld einsetzen werden, das bereits von autonomen Drohnenschwärmen, Robotern und Cyberangriffen dominiert wird.
Michaels Äußerungen dürften auch die bereits kontroverse Debatte über den Wunsch des Militärs, KI ohne Einschränkungen einzusetzen, und die Fähigkeit von Technologie-Unternehmen, Grenzen für den Einsatz ihrer Tools zu setzen, weiter verschärfen. (…)
Militärbeamte hoffen, die Leistungsfähigkeit der KI zur Synthese von Informationen nutzen zu können, um Entscheidungen zu treffen. Diese Tools sind zwar leistungsstark, können jedoch Fehler machen und sogar Informationen erfinden, die auf den ersten Blick plausibel klingen. Solche Fehler in nicht klassifizierten Umgebungen könnten tödliche Folgen haben, sagen KI-Forscher.“
Ich habe dann am 25.2.2026 bei Google eine Suchanfrage eingegeben: „Pentagon fordert von den großen KI-Labors Militärtauglichkeit.“ Es erschien zuerst: „Übersicht mit KI:“ (mit Medienhinweisen). Da hieß es:
„Das US-Verteidigungsministerium (Pentagon) drängt führende KI-Labore wie OpenAI, Anthropic und Google zur Entwicklung militärtauglicher Anwendungen. Im Rahmen von Verträgen bis zu 200 Millionen Dollar sollen KI-Modelle auf sicheren, geheimen Netzwerken für nationale Sicherheitszwecke optimiert werden, um datengestützte Entscheidungen am Gefechtsfeld zu ermöglichen.
Die Forderungen im Überblick:
– Geheime Netzwerke & Sicherheit: Das Pentagon drängt KI-Unternehmen dazu, ihre Modelle für den Einsatz auf geschlossenen, geheimen Netzwerken fit zu machen.
– Verträge mit KI-Giganten: Führende KI-Firmen haben Verträge unterzeichnet, um fortschrittliche KI-Fähigkeiten zu entwickeln, die die nationale Sicherheit der USA stärken.
– Fokus auf den Einsatz: Ziel ist es, KI-gestützte Tools (Edge-Tools) zu entwickeln, mit denen Soldaten Daten direkt am Einsatzort verarbeiten können, auch bei unzuverlässigen Cloud-Verbindungen.“ 2
Nach Klick auf „Im KI-Modus mehr erfahren“, erschien:
„Das US-Verteidigungsministerium (Pentagon) hat seine Anforderungen an führende KI-Labore massiv verschärft und fordert eine uneingeschränkte „Militärtauglichkeit“ ihrer Technologien. Im Zentrum steht dabei aktuell ein eskalierender Konflikt mit dem KI-Unternehmen Anthropic, dem das Pentagon mit dem Entzug von Aufträgen droht, falls es seine ethischen Schutzmechanismen nicht lockert.“
Anthropic hat sich also offenbar bisher geweigert, seine KI-Tools unbeschränkt zugänglich zu machen. Daher hieß es weiter:
„Die aktuellen Entwicklungen (Februar 2025/2026):
– Ultimatum an Anthropic: Verteidigungsminister Pete Hegseth hat Anthropic eine Frist bis Freitag (also 27.2.2026, hl) gesetzt. Das Unternehmen soll den uneingeschränkten Zugriff auf sein Modell Claude für alle „rechtmäßigen Zwecke“ ermöglichen – was den Einsatz in der KI-gesteuerten Kriegsführung und Massenüberwachung einschließen könnte.
– Drohung mit „Supply Chain Risk“: Sollte Anthropic nicht einlenken, droht das Pentagon damit, die Firma als „Risiko für die Lieferkette“ einzustufen. Dies wäre ein „Schandfleck“, der normalerweise Firmen mit Verbindungen zu China vorbehalten ist, und würde andere Auftragnehmer faktisch daran hindern, Anthropic-KI in ihren Projekten zu nutzen.
– KI-Beschleunigungsstrategie: Im Januar 2026 startete das Pentagon eine neue Strategie für „AI-first“-Kriegsführung. Ziel ist die Integration von KI in alle Bereiche – von der Logistik bis hin zu taktischen „AI-Wingman“-Systemen auf dem Schlachtfeld.
– Wettbewerb der Labore: Während Anthropic auf Sicherheitsstandards beharrt, haben andere Partner wie OpenAI, Google und Elon Musks xAI (mit dem Modell Grok) bereits signalisiert, ihre Tools für alle gesetzlich zulässigen militärischen Szenarien zur Verfügung zu stellen.“
Kriegsminister Pete Hegseth (GettyImages)
Auf meine Frage: „Auf welchen Sicherheitsstandards beharrt Anthromic und warum?“ antwortete die Google-KI:
„Anthropic beharrt gegenüber dem Pentagon auf zwei spezifischen „roten Linien“, die in den aktuellen Verhandlungen (Februar 2026) das zentrale Hindernis darstellen:
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- Keine vollautonomen Waffensysteme: Die KI darf nicht für Zielerfassungen oder Angriffe eingesetzt werden, bei denen kein Mensch mehr die endgültige Entscheidung trifft („Human-in-the-loop“).
- Keine Massenüberwachung von US-Bürgern: Der Einsatz der Modelle zur großflächigen Überwachung der eigenen Bevölkerung wird strikt abgelehnt.
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Warum beharrt Anthropic auf diesen Standards?
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- Unternehmensidentität („Safety-first“): Anthropic wurde von ehemaligen OpenAI-Führungskräften mit dem Ziel gegründet, KI-Sicherheit und ethische Ausrichtung (Alignment) ins Zentrum zu stellen. Die Einhaltung dieser Prinzipien gilt als Kern der Marke Claude.
- Vermeidung autoritärer Praktiken: CEO Dario Amodei betonte in einem Essay, dass die USA die nationale Verteidigung auf eine Weise unterstützen sollten, die sie nicht ihren „autokratischen Widersachern“ ähnlich mache.
- Missbrauchsrisiken: Laut Amodei sind Anwendungen wie Massenüberwachung „illegitim“ und „anfällig für Missbrauch“. Er warnt davor, dass KI zur Erkennung und Unterdrückung von Unzufriedenheit in der Bevölkerung genutzt werden könnte.
- Verantwortung vs. Legalität: Während das Pentagon argumentiert, dass jede „rechtmäßige“ Nutzung (all lawful purposes) zulässig sein müsse, sieht Anthropic die Verantwortung beim Entwickler, ethische Grenzen über die bloße Gesetzeslage hinaus zu definieren.“
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Wie geht der Konflikt weiter
Es ist letztlich ein Kampf zwischen der staatlichen kollektiven Macht einerseits, die diktatorisch und skrupellos alles, auch für das absolute Böse, einzusetzen bereit ist, und der geistigen Individualität andererseits, die sich noch verantwortungsbewusst einer menschheitlichen Moral verpflichtet fühlt.
Wie hat Anthropic nun nach Ablauf der von Kriegsminister Hegseth gesetzten Frist, Freitag, 27. 2.2026, geantwortet?
Ich habe am Samstag, 28.2.2026, bei Google die Frage eingegeben: „Antwort von Anthropic nach Fristablauf von Hegseth?“ und in der „Übersicht mit KI“ folgendes Ergebnis erhalten:
„Nach Ablauf der von US-Verteidigungsminister Pete Hegseth gesetzten Frist am Freitag (27. Februar 2026) hat sich die KI-Firma Anthropic standhaft gezeigt und die Forderungen des Pentagons, Sicherheitsvorkehrungen für ihre KI Claude zu entfernen, nicht erfüllt.
Hier sind die Kernpunkte der Reaktion von Anthropic und die darauffolgenden Ereignisse:
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- Ablehnung des Ultimatums: Anthropic-CEO Dario Amodei weigerte sich, die „roten Linien“ der KI-Sicherheit zu streichen, die eine Nutzung von Claude für Massenüberwachung oder autonome Waffen verhindern sollen.
- Rechtliche Schritte angekündigt: Anthropic erklärte, eine Einstufung als „Versorgungskettenrisiko“ (supply chain risk) durch das Pentagon gerichtlich anfechten zu wollen. Das Unternehmen bezeichnete das Vorgehen als beispiellos, da eine solche Einstufung normalerweise gegen ausländische Gegner und nicht gegen ein amerikanisches Unternehmen angewandt wird.
- Stellungnahme zur Zusammenarbeit: Anthropic betonte, trotz der angespannten Lage weiterhin in gutem Glauben mit dem Verteidigungsministerium verhandeln zu wollen, nannte die Forderungen jedoch inhaltlich inakzeptabel.
- Reaktion der Regierung (Hegseth/Trump): Hegseth erklärte Anthropic daraufhin offiziell zu einem „Versorgungskettenrisiko für die nationale Sicherheit“, was zu einem Verbot der Nutzung durch das Pentagon und US-Behörden führt. US-Präsident Trump ordnete eine „sechsmonatige Ausstiegsphase“ für die Nutzung von Anthropic-Technologie an und drohte mit zivil- und strafrechtlichen Konsequenzen, sollte Anthropic während dieser Übergangszeit nicht kooperieren.
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Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Anthropic die Frist verstreichen ließ, ohne den Forderungen nachzugeben, und bereit ist, den Verlust von Regierungsaufträgen zu riskieren, um an ihren Sicherheitsprinzipien (AI Safety Guardrails) festzuhalten.“ 3
Die Standhaftigkeit des Anthropic-CEO Dario Adomei verdient höchste Anerkennung. Aber die Aussichten sind düster, wenn nicht eine starke Bewegung von der Bevölkerung kommt, auch in den „verbündeten“ Staaten. Aber dazu müssen die Entwicklungen von möglichst viel Menschen wachsam verfolgt werden!
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1 https://www.reuters.com/business/pentagon-pushing-ai-companies-expand-classified-networks-sources-say-2026-02-12/
2 google.com 25.2.2026 KI-Übersicht
3 google.com 28.2.2026 KI-Übersicht