Gastautor Richard W. Barthelme gibt nachfolgend eine kurze Aufarbeitung der Belletristik, die sich mit der Corona-Zeit beschäftigt. Es sind inzwischen viele Sachbücher erschienen, die über die Hintergründe der inszenierten „Pandemie“ aufklären, aber literarische Verarbeitungen haben es schwer, einen Verlag zu finden. Der Autor weist dabei auf seinen eigenen literarischen Versuch hin, der vor einem Jahr unter dem Titel „Wintermund und der Stille Graben“ erschienen ist. „Mir wurde schnell klar, dass die Verlautbarungen und die Maßnahmen der Regierung nicht nur unsinnig, sondern auch unter Umgehung des Grundgesetzes gefährlich und menschenfeindlich waren.“ Und er habe da beschlossen, einen bereits begonnenen Roman zeitgeschichtlich umzuschreiben. (hl)
Von Gastautor Richard W. Barthelme
Die Coronazeit ist noch lange nicht vorbei. Die verschiedenen Lager zwischen Politik („aus damaliger Sicht alles richtig gemacht“) und Maßnahmen-Gegnern („ihr habt Menschen in Tod und Krankheit getrieben“) stehen sich nach wie vor unversöhnlich gegenüber. Es gibt zahlreiche Sachbücher über diese Zeit, aber nur wenig literarische Aufarbeitung. Und einem Klassiker hat es zu neuem Ruhm verholfen.
„Die Pest“ von Albert Camus (1913-1960) liegt in der 101. Auflage im Buchhandel vor, zitierte die „Dresdner Morgenpost“ im Februar 2021 eine Rowohlt-Sprecherin. 2020 seien etwa 150.000 Exemplare des erstmals 1947 erschienenen Buches verkauft worden. Der Roman handelt von einer Pestepidemie in den 1940er-Jahren in der algerischen Küstenstadt Oran und beschreibt die unterschiedlichen Reaktionen der Bewohner auf die Maßnahmen der Politik, die die Stadt hermetisch abriegelt. Viele Menschen haben in dem Roman Parallelen zu dem gesehen, was weltweit in der Coronazeit geschehen sei.
Die „Dunkelziffer“ literarischer Versuche, die Coronajahre aufzuarbeiten, dürfte groß sein. Während es genügend alternative Verlage gibt, die kritische Sachbücher zum Thema Viren, mRNA-Impfstoffe, Corona-Maßnahmen und juristische Einschätzungen herausgeben, ist es mit der Belletristik eher mager gesät. Die klassischen Buchverlage nehmen keinen Stoff an, der ihnen den üblichen Shitstorm aus dem linksgrünen Lager bescheren könnte. Regierungskritische Texte landen nicht auf den Verkaufstresen des deutschen Buchhandels, sondern auf den Schreibtischen politisch instruierter Staatsanwaltschaften.
So bleibt den mutigen Autoren dann nur der Weg des Selfpublishing, der aber erhebliche Marketing-Probleme hat. Zwar könnten die Bücher über Amazon vertrieben werden (wenn dort die Sittenwächter einen schlechten Tag haben), der Weg an die Leser ist aber ein schwieriges Unterfangen. Von Verkaufszahlen wie der 101. Auflage der „Pest“ können diese Autoren nur träumen.
„Wenn heute jemand abweichende Sätze sagt, ist keiner da, der sie noch verteidigen will, sondern nur die, die draufhauen. Literaturpreise gehen heute nicht mehr an Autoren, die sich etwas trauen. Früher hat man die „Streitbaren“ ausgezeichnet, heute nennt man die Streitbaren „umstritten“ und meidet sie, weil sich ja hinreichend Leute über eine solche Auszeichnung aufregen könnten“. Diese Einschätzung stammt von Richard David Precht, geäußert am 24. Oktober in einem Interview von Welt online.
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Trotzdem gibt es natürlich einige Romane, die sich mit der Pandemie beschäftigen. Die stammen überwiegend von etablierten Autoren mit Verlags-Hintergrund, die sich aber nur am Rande mit den politischen Katastrophen dieser Zeit beschäftigen, sondern überwiegend mit menschlichen Einzelschicksalen.
Nachfolgend ein paar Beispiele:
Der bekannteste Roman dürfte „Über Menschen“ (2021) von Juli Zeh sein. Er versucht zwar politisch neutral zu sein, beschreibt aber literarisch die gesellschaftliche Spaltung, die von der Politik forciert wird. Die Protagonistin Dora flieht vor ihrem militanten, „regeltreuen“ Berliner Freund in die Provinz. Dort muss sie ihre eigenen Vorurteile über den „Dorf-Nazi“ und die ländliche Bevölkerung revidieren. „Über Menschen“ thematisiert, wie Ideologien und Klischees (pro/contra Maßnahmen) die Wahrnehmung von Menschen vergiften.
Der Roman „Der Nachlass“ (2022) von Evelyn Grill behandelt die Einsamkeit einer alten Frau, die sich selbst als „vulnerabel“ bezeichnet und in den Keller zurückzieht. Obwohl nicht primär politisch, thematisiert Grill die Folge von Besuchsverboten und Kontaktbeschränkungen – einer der kritischsten menschlichen Aspekte der Pandemiepolitik. Zwischen Erkenntnis und zunehmender Verwirrung kreist das Denken der alten Frau um das Leben, das geschützt wird, und jenes, das als „unwert“ bezeichnet wird. Dabei blättert sie in einer Mappe mit Erinnerungen an ihre jüdische Familie. Ihre Tante Paula, in deren Lehnstuhl sie sitzt, ist keine fünfzig geworden, sie wurde deportiert. Und der Stuhl ist alles, was von ihr geblieben ist.
„Trost. Briefe an Max“ (2021) von Thea Dorn ist ein Briefroman. Johanna, die in einer Berliner Zeitungsredaktion tätig ist, verarbeitet den Tod ihrer Mutter, die zu Beginn der Welle an Corona gestorben ist. Sie ist hin-und hergerissen zwischen Wut, Empörung und Trauer. Von all dem berichtet sie per Brief ihrem alten Philosophieprofessor Max, der von einer Ägäis-Insel zurückschreibt. Jeweils nur eine Frage auf einer Postkarte mit passendem Bildmotiv. Schreibend setzt sich Thea Dorns Erzählerin mit der Trauer auseinander.
Die aktuellste literarische Auseinandersetzung (ohne Verlags-Hintergrund) ist „Wintermund und Der stille Graben“ (2024) von Richard W. Barthelme. Schon der Titel greift die gesellschaftlichen Spaltungen auf (der stille Graben innerhalb Familien und im Freundeskreis, über den nicht gesprochen wird) und die Erfahrung der Protagonisten, die auf ihrem Weg von einer gefühlten Demokratie in einen „repressiven Staat“ gerutscht sind. Barthelme lässt seine Figuren eine klar systemkritische Perspektive einnehmen („gegen die gefährlich realitätsferne Politik der selbsternannten Demokratieretter“).
Der Autor nutzt die Romanform, um Kritik an der politischen Entwicklung zu üben, wobei er auch die Migrationskrise thematisiert. Der autoritäre Staat, die Entfremdung von demokratischen Werten und die Ohnmacht des Einzelnen werden literarisch verarbeitet, ohne ins Plakative abzurutschen. Wobei die Sprache poetisch, pointiert und oft humorvoll ist. Barthelme versucht, ernste Themen mit Leichtigkeit zu erzählen, ohne sie zu verharmlosen. Der Roman will Mut machen – zur Veränderung, zur Einmischung, zur Selbstreflexion. Er ist eine Liebeserklärung an das Leben und ein literarisches Plädoyer für die Demokratie, die den Einzelnen nicht unterdrückt, sondern unterstützt.
Richard W. Barthelme hat übrigens einen prominenten Kritiker, der mit den Folgen der linksgrünen Ent-Demokratisierung zu kämpfen hat. Prof. Dr. Sucharid Bhakdi beschreibt „Wintermund und Der stille Graben“ als ungewöhnlich und tiefsinnig. „Vielleicht kann ja die Romanform ein Nachdenken bei den Menschen bewirken, die wir mit Sachbüchern nicht erreichen“, so Bhakti.
Zum Schluss noch ein Blick zurück auf „Die Pest“: Das Werk wird oft als Parabel auf das menschliche Handeln angesichts des Bösen und der Absurdität des Lebens verstanden. Als die Epidemie vorbei ist und das „normale“ Leben zurückkehrt, lässt Camus seinen „Helden“ erkennen, dass die Pest (also die Bedrohung durch das Böse) nie ganz besiegt werden kann und die Menschheit immer wieder dagegen ankämpfen muss.
Eine Botschaft, die leider in erschreckendem Ausmaß auch in dieses Jahrhundert passt.
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Der Artikel ist zuerst am 6.11.2025 auf uncutnews.ch erschienen.
