Darüber, in welchen Teilen George Orwells düstere Vision aus „1984“ schon Realität geworden ist, spricht Patrick Baab in einem neuen Interview: Ein (verstecktes) Wahrheitsministerium, Zensur und manipulierte Medien bestimmen den Diskurs. Es geht um die ständige Propaganda, die Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien und warum wir heute kritischer denn je hinterfragen müssen, welche „Wahrheiten“ uns präsentiert werden. Wir bringen nachfolgend das Transkript von Ausschnitten des längeren Interviews. (hl)
Orwells Prophezeiung wird wahr! – Patrik Baab im Interview
Frage: In George Orwels 1984 haben wir ein Wahrheitsministerium, das die Fakten kontrolliert, die Sprache kontrolliert, dass die Vergangenheit kontrolliert. Sehen Sie die Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien im Jahr 2025 in der ausführenden Rolle eines Wahrheits-Ministeriums?
Patrick Baab: Wir haben ein ganzes Konzert von Wahrheits-Agenturen. Dazu zählen bedauerlicherweise auch die öffentlichen Medien. Bedauerlicherweise deswegen, weil ich 40 Jahre lang für diese Einrichtungen tätig war. Da hat sich was verändert. Inzwischen begnügt man sich damit, NATO-Propaganda nachzuplappern. So unsäglich! Da kommt eine NATO-Propagandistin namens Florence Gaub 1 zu diesem Lanz, oder wie er heißt – merke mir diese Namen von diesen Leuten gar nicht mehr – und stellt sich dahin: Russen seien ja gar keine Europäer, hätten ein ganz anderes Verhältnis zum Tod und zum Blut. Bleibt unwidersprochen. Das ist nicht nur russophober Unfug, das ist auch Rassismus, das ist grundgesetzwidrig. Und diese Leute dürfen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk heute unwidersprochen plappern, ja, plappern.
Dabei haben sie gar nicht die charakterliche und fachliche Befähigung, auch nur einen deutschen Satz unfallfrei zu sprechen. Aber wir haben es ja auch zu tun mit einer Vielzahl von sogenannten GONGOs (government-organized nongovernmental-organizations = Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die von Staaten stark beeinflusst, gefördert und finanziert werden). Also die Regierungen und die Überregierungsinstanzen der EU haben sich eine ganze Reihe von Vorfeldorganisation geschaffen, die sozusagen – um in der Diktion des Bundeskanzlers zu bleiben – die Drecksarbeit für die Regierung im öffentlichen Raum machen und andere denunzieren, Kampagnen starten, dafür sorgen, dass sie ihre Jobs verlieren.
Insgesamt müssen wir auch sehen, dass sich im Übergang vom Neoliberalismus, auf den Trümmern der neoliberalen Ordnung, eine neue Ordnung, eine neue Wirtschaftsordnung erhebt: der digitale Kapitalismus. Im Neoliberalismus handeln die Unternehmen auf dem Markt. Also gesellschaftliches Eigentum, Staatseigentum, was allen gehört, wird privatisiert. Die Deutsche Bahn in eine AG umgewandelt, gerät in private Hände. Nichts funktioniert mehr. Man kann aber damit Geld verdienen, indem man die Unternehmen an den Markt bringt. Der Markt ist im Neoliberalismus eine quasi neutrale Instanz.
Im digitalen Kapitalismus sind die Leitunternehmen Google, Amazon, wie Sie alle heißen. Sie sind der Markt. Der Markt ist praktisch privatisiert und das bedeutet, dass auf dem Markt gar keine Meinungs- und unternehmerische Freiheit mehr herrscht. Denn die allgemeinen Geschäftsbedingungen ersetzen die gesetzliche Grundlage. Der Markt ist in Privathand. Ein Privatunternehmer, Amazon, kann bestimmen, was da gehandelt werden darf und was nicht. Und dies wird auch von überdemokratischen, außerdemokratischen Instanzen wie der Europäischen Kommission forciert durch den sogenannten Digital Services Act – der ja nichts anderes darstellt als ein Zensurgesetz – der die Unternehmen verpflichtet, gegen Desinformation vorzugehen.
Aber wer legt denn fest, was Desinformation ist? Das sind doch irgendwelche dahergelaufenen Eurokraten, die selbst keine Ahnung haben, aber die ihre Karrieremuster danach ausrichten, dass sie ihren Chefs eine Gefälligkeit tun. Also erklären Sie im vorauseilenden Gehorsam alles zur Desinformation, was ihren Chefs nicht in den Kram passt. Wir leben also in einer Glocke der Zensur.
Und das hat George Orwell sehr genau betrachtet. Dazu möchte ich etwas ausholen.
Man kann moderne Kriege kategorisch betrachten, indem man sagt: Wir haben es also zu tun:
einmal mit der militärischen Auseinandersetzung, mit dem Frontgeschehen. Das sind alle militärischen Fragen, von denen Clausewitz sagt, das ist die Verlängerung der Politik, die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Er drückt es ähnlich aus, ich habe die Formulierung nicht mehr genau im Kopf.
Zum zweiten geht es um den Wirtschaftskrieg, die wirtschaftliche Auseinandersetzung, die uns heute begegnet, vor allem in der Form von Sanktionen gegen Russland.
Und zum dritten geht es eben um die Propagandaschlacht.
Und Orwell verknüpft in seinem Roman 1984 alle diese drei Ebenen, weil er weiß, was Krieg heißt. George Orwell meldete sich 1936 in den spanischen Bürgerkrieg, war auch schwer verwundet, hat einen Hals-Durchriss, was ihm ein Leben lang ein Handicap beim Sprechen bescherte.
Und der spanische Bürgerkrieg war der Kampf der Demokraten und Republikaner gegen den letztendlich erfolgreichen Versuch von General Franco an der Seite der herrschenden Klasse der Industriebarone und der Großagrarier, die Demokratie niederzukämpfen und eine Diktatur zu errichten, was auch gelungen ist. – Bis heute in Spanien nicht vollständig aufgearbeitet. –
Und George Orwell war an der Front, und er wusste, was Krieg heißt, aber auch als Korrespondent tätig, teilte das Büro mit André Malraux und Ernest Hemingway, die ebenfalls im Frontgeschehen waren. Und das unterscheidet ihn von all den sogenannten selbsternannten Berichterstattern heute, die ja zumeist überhaupt keine Ahnung haben, was da läuft, die eben nur die Schreibtischperspektive haben, und er kann deswegen den Krieg in besonderer Weise beurteilen.
Ich will mal ein Zitat bringen, das ich mir gestern Abend noch mal angeschaut habe:
„Der Krieg ist daher, wenn wir ihn nach den Maßstäben früherer Kriege beurteilen, lediglich eine Farce“, schreibt Orwell. „Er gleicht den Kämpfen zwischen bestimmten Wiederkäuern, deren Hörner in einem solchen Winkel stehen, dass sie sich gegenseitig nicht verletzen können. Aber obwohl er unwirklich ist, ist er nicht bedeutungslos. Er verschlingt den Überschuss an Konsumgütern und trägt dazu bei, die besondere mentale Atmosphäre zu bewahren, die eine hierarchische Gesellschaft braucht. Der Krieg ist heute, wie man sehen wird, eine rein interne Angelegenheit. In der Vergangenheit kämpften die herrschenden Gruppen aller Länder, obwohl sie ihre gemeinsamen Interessen erkannten und daher die Zerstörungskraft des Krieges begrenzten, gegeneinander. Und der Sieger plünderte immer den Besiegten. In unserer Zeit kämpfen sie überhaupt nicht mehr gegeneinander. Der Krieg wird von jeder herrschenden Gruppe gegen ihre eigenen Untertanen geführt.“
Und das ist doch interessant. Und das ist genau das, was wir vor allem im Ukrainekrieg erleben.
Öffentliche Ressourcen werden umgelenkt in die Produktion von Waffen, in die Unterstützung der Ukraine, an die amerikanischen Rüstungs-Unternehmen vom militärisch-industriellen Komplex und aus dem sozialen Bereich rausgezogen.
Und das ist eine Umverteilung von unten nach oben und von Europa nach Amerika zu Lasten der Abhängig-Beschäftigten und des Mittelstandes.
Und deswegen müssen natürlich die Propaganda-Agenturen besonderen Lärm machen, damit diese Untertanen, die ausgebeutet werden, das nicht merken, was da gerade gespielt wird. Der Krieg richtet sich nicht gegen die Russen. Er richtet sich gegen die armen Leute im eigenen Land. Es gab in Berlin noch nie so viele Obdachlose und Bettler. Wenn ich von meinem Wohnsitz zum Alexanderplatz fahre, etwa 5 km, werde ich mindestens dreimal von Bettlern angesprochen.
Den Typen da im Bundestag und in der Bundesregierung ist es völlig egal. Die Probleme Alleinerziehender sind diesen Leuten völlig egal. Sie leben in ihrer Kriegsblase und geilen sich aneinander hoch. Sie sind erkrankt an einem Nero-Syndrom. Sie zünden die ganze Welt an und freuen sich an den Flammen. Und das ist doch das, was Orwell beschrieben hat.
Und nun ist das Wahrheitsministerium nur ein Effekt davon. Orwell sieht, dass der Krieg geführt wird gegen die eigene Bevölkerung. Und deswegen muss natürlich auch ein Wahrheitsministerium her, um den Leuten klarzumachen, was sie denken dürfen. Nichts anderes macht die EU mit ihrem Digital Services Act. Nichts anderes machen die von der Regierung bezahlten sogenannten Nicht-Regierungs-Organisationen und große Teile der Akademiker machen das mit. Denn der Träger der Propaganda und Zensur ist das akademische Präkariat.
Jetzt die Hälfte eines Jahrgangs studiert in Deutschland. Diese Menschen müssen nach dem Studium alle untergebracht werden. Sie landen in befristeten Verträgen bei irgendwelchen Nicht-Regierungs-Organisationen oder in einer Projektarbeit beispielsweise bei sogenannten Denkfabriken, die ja nur einer Regierung die Stichwörter liefern oder als freie Mitarbeiter im Rundfunk, zu denen ich auch sehr lange gehörte. Und die werden alles tun, um einen Anschluss-Auftrag zu bekommen, um eine Vertrags-Verlängerung zu bekommen. So macht man Leute gefügig.
Denn sie wollen sich natürlich was aufbauen. Das zweite Kind ist unterwegs, das Auto ist noch nicht abbezahlt. Man strebt eine größere Wohnung an. Und diese Leute sind kompromissbereit.
Berthold Brecht hat darüber gesagt in Turandot oder (der Kongress) der Weißwäscher:
„Eure Gedanken stinken wie faule Fische.“
Das kommt daher, weil sie gehandelt werden wie auf dem Fischmarkt. Und das ist ja richtig.
Und Orwell hat das alles beschrieben, und er hat auch den Charakter des Wirtschaftskrieges beschrieben, dass es ja gar nicht im Kern darum geht, die Russen zu sanktionieren. Diese Sanktionen sind ja, sofern sie sich gegen Russland richten, zu einem Fehlschlag geworden. Nach Angaben von Präsident Putin auf dem St. Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum mit übrigens 20.000 Teilnehmern ist die russische Wirtschaft bislang im laufenden Jahr um 4% gewachsen. Die deutsche Wirtschaft schrumpft. Sanktionen sind zum Bumerang geworden. Trotzdem werden sie fortgesetzt, weil sie ihren Effekt gegen die eigene Bevölkerung selbstverständlich erzielen. Die Ausbeutungsrate wird hochgeschraubt.
Also, wenn Sie heute für 100 Mark im Supermarkt einkaufen, bekommen Sie noch die Hälfte von dem, was sie vor drei Jahren bekommen haben. Irgendwo muss das Geld ja bleiben. In den Taschen der Abhängig-Beschäftigten bleibt’s nicht.
All das hat Orwell beschrieben. Es ist gegründet in seiner Erfahrung des Krieges. Er weiß, was Krieg heißt. Er war zuvor, in den 20er Jahren, Anfang der 30er Jahre Kolonialbeamter des Empire in Indien und Burma. Er weiß, wie Ausbeutungsmechanismen funktionieren. Und deswegen richtet sich sein Buch Farm der Tiere ja nicht allein gegen den Stalinismus. Er hat am eigenen Leib – er war Teil des Apparats – am eigenen Leib hat er gesehen, wie Ausbeutung funktioniert und wie sie in Kriege führt.
Und das ist die Aktualität von George Orwell.
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Video:
https://www.youtube.com/watch?v=TMM2-T-kAEM
Video des Interviews in voller Länge:
(192) Krieg gegen das eigene Volk! || Patrik Baab im Interview – YouTube
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Anmerkung:
1 Deutsch-französische Politikwissenschaftlerin, Forschungsdirektorin der NATO-Militärakademie in Rom (Wikipedia)

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