Jürgen Fliege: „Der Weg der Würde“ – Brief an eine Gefangene in der U-Haft

Aus „einer tiefen Ablehnung der staatlichen Institutionen“ heraus sollen „Reichsbürger“ einen Putsch geplant haben.1 Fast zwei Jahre sitzt Johanna Findeisen aus Frickenhausen, 54 Jahre und Mutter von drei Kindern, bereits in Untersuchungshaft. Fakten zu Straftaten, auch geplanten, seien nicht aufzufinden, so Prof. Martin Schwab, einer der Verteidiger. Und er wirft der JVA vor, die Gefangene unwürdigen Behandlungen zu unterziehen, bis hin zu solchen, die den Tatbestand der Folter erfüllten.2 Den evangelischen Pfarrer i.R. Jürgen Fliege hat tief ergriffen, dass so etwas in Deutschland möglich ist, und einen offenen Brief an Johanna Findeisen gerichtet, den Radio München verlesen hat. Wir bringen nachfolgend mein Transkript des Briefes. (hl)

Johanna Findeisen – Bild: Stef Manzini (stattzeitung.org 7.6.2023)


Vorspann zum Podcast-Video von Radio München:

„21 Monate, also fast zwei Jahre verbringt Johanna Findeisen bereits in Untersuchungshaft. Trägt sie reichsbürgerliche Ideen mit sich? Oder hat sie Straftaten geplant? Es ist ein Fall im sogenannten ´Reichsbürgerprozess`. Mit diesem beschäftigt sich einer ihrer Anwälte Prof. Martin Schwab. Bei den Prozessen, so der Jurist, gehe es eher um Gesinnungsfragen. Fakten zu Straftaten, auch geplanten, seien nicht aufzufinden. Und eine Untersuchungshaft für die Aufdeckung einer möglicherweise falschen Gesinnung – die Johanna Findeisen vehement bestreitet – ist in unserem Rechtssystem nicht vorgesehen. Dennoch sind die Termine für diese Untersuchungen bereits bis 2026 anberaumt.

Das soll aber heute nicht unser Thema sein. Es geht um die Untersuchungshaft selbst. Prof. Martin Schwab ist in regelmäßigem, telefonischem Kontakt mit Johanna Findeisen und stellt dort Verhältnisse fest, die den Tatbestand der Folter erfüllen. Kein Mensch, selbst der Verurteilte, darf in seiner Menschenwürde herabgesetzt werden. Nun wird der Fall Johanna Findeisen bislang lediglich untersucht. Wie kann also sein, dass sie im Transport zum Gericht gefesselt wird? Warum wurde sie bei ihrer Rückkehr körperinvasiv untersucht? Was übrigens nach einem öffentlichkeitswirksamen Antrag ans Oberlandesgericht erfolgreich unterbunden wurde. Warum wird ihre Post zurückgehalten? Warum durfte sie, bei zwei Stunden Besuchszeit im Monat, ihren Angehörigen nur hinter einer Scheibe begegnen? Warum wird sie, ohne Morgentoilette, abgeholt und in eine fensterlose Zelle ins Gericht gebracht, wo sie zwei Stunden bis zum Gerichtstermin ausharren muss?

Und warum wird die fiebernde Johanna, bei Minusgraden und offener Türe gezwungen, sich nackt auszuziehen, sich zur Wand zu drehen und sich einer erniedrigenden Leibesvisitation zu stellen? Auch dem Pfarrer und Autor Jürgen Fliege geht dieser Fall nah und fragte sich, was Johanna Findeisen, neben einer guten Verteidigung gebrauchen könnte und er ihr geben: Beistand!“

Offener Brief von Jürgen Fliege, Pfarrer i.R.:

„Liebe Johanna, die ganze Nacht habe ich überlegt, wie ich Dir denn beistehen könnte, die ganze Nacht, denn es ist mir ganz und gar nicht egal, wie es Dir da geht, was man da mit Dir veranstaltet und was derweil zu Hause und mit Deinen Kindern los ist, und, und, und … die ganze Nacht. –
Und ich bin nicht allein damit, wir sind viele!

Weißt Du, es macht ja keinen Sinn, einmal mehr laut und lauter um Hilfe zu schreien oder Dir zu schreiben, dass es weit, weit mehr ist als eine reine Justizschikane, die Du da über Dich ergehen lassen musstest, mehr, viel mehr. Es ist eben nicht mal kurz und schmerzlos über sich ergehen lassen – also Hose runter, Hose hoch und dann vorbei – nix da, und das ist mein Punkt. –

Sich unter Erwartung von Gewalt ausziehen zu müssen, dann nackt und fröstelnd vor Fremden zu stehen, dann umdrehen mit dem Gesicht zur Wand, noch schutzloser also, und dann seinen Po zur gefälligen Inspektion freigeben – Johanna, das geht ins Mark und wird bleiben alle Zeit Deines Lebens. Sowas nenne ich im normalen Leben Missbrauch und im politischen Kontext Folter! Und Deine Seele wird jedes Bild voller Scham speichern für alle Zeit: Hose runter, Hose hoch, für alle Zeit.

Seit wann hat unsere Justiz die Lizenz zu Missbrauch und Folter? Und wer gab sie ihr? Und wer ließ und lässt das geschehen? Die Schwarzen? Die Roten? Die Grünen? Für die Seele eines Menschen ist  es eine amtlich gedeckte Vergewaltigung von Schutzbefohlenen!

Was nun? Es macht ja keinen Sinn, einmal mehr damit auf die Straße zu gehen, schreiend oder auch stumm und auf einen Aufschrei der Gerechten im ganzen Land zu hoffen. Vergiss es, das war einmal. Es war einmal das Märchen von unserem Rechtsstaat. Aber wem schreibe ich das, liebe Johanna, die Du doch wie viele von uns während der letzten fünf Jahre genug Erfahrungen sammeln musstest, dass der Rechtsstaat zu einem Märchen zu verkommen droht. Es ist ja wieder eine Art moderner Faschismus in die gleichgeschalteten Herzen und Köpfe unseres aufgehetzten und angstgehetzten Volkes gekrochen. Corona befahl – wir folgten. Das Recht marschiert doch schon im Gleichschritt mit den Herrschenden. Es steht nicht mehr den Kleinen bei. Da und dort ist es verlottert und verkommen und lässt sich immer wieder neu vor den Berliner Karren spannen.

Morgens um 6 Uhr stürmen sie überfallartig in unsere Wohnungen, beschlagnahmen, verhaften, lassen in den Gefängnissen schmoren, stopfen der freien Meinung das Maul und schütteln sich dann weltweit über unser Entsetzen vor Lachen aus. Johanna, liebe, ich bin Dir nah. Sie wischen sich mit unseren Klagen ihren Hintern ab, aus dieser Phalanx der verordneten Volksangst auch nur einen einzigen Pfahl, einen Menschen, eine Seele herauszubrechen – es wäre ein Wunder. Und im Himmel wäre die alte Freude wieder da, über einen nur, einen, der nachdenkt, um Entschuldigung bittet und umkehrt. – Aber da ist keiner, kein einziger! Vergiss es!

Die durch Corona-Krieg und klimaamtlich sedierten Angstbürger kennen sich ja selbst nicht mehr. Ihre immer wieder herausposaunten hehren Werte aus der Heiligen Schrift erst recht nicht. Sie wissen nichts mehr von Buße und Umkehr. Nie gehört. Sonst, ja sonst würden sie meinen Traum aus der letzten Nacht sofort verstehen. Mir träumte nämlich: im Morgengrauen eine lange Reihe nackter Männer und Frauen mit den Armen abgestützt an deiner Gefängnismauer. Sie hatten sich all ihrer Kleider entledigt, in Solidarität zu Dir, nackt.

Denn das ist die letzte friedliche Karte, das letzte Ass im Ärmel der Friedliebenden: sich verletzlich machen, seine unendliche Verwundbarkeit zeigen. Nackt, wie einst der biblische Prophet Jeremia durch die Straßen Jerusalems lief; nackt, wie der Mann am Kreuz, nackt, um auf das Menschliche im Menschen hinzuweisen; nackt, um Unrecht zu zeigen. Und dann auch, was denen passiert, die es dulde, –  nicht durch uns, wir verletzen niemanden, wir entwürdigen niemanden –  ihre Selbstentwürdigung und ihre Folgen sind ein Schicksalsgesetz.

Es ist so wichtig für uns alle, Johanna, dass Du uns deine Missbrauchsgeschichte anvertraut hast. Das öffnet uns einmal mehr die Augen dafür, wo wir hingekommen sind. Aus der Ferne so nah, drücken wir Dir Deine Hände. Ach, wir werden die Täter und Verantwortlichen so schnell nicht zur Rechenschaft ziehen können. Die Krähen hacken sich nicht gegenseitig die Augen aus. Unter den schwarzen und roten Talaren sammelt sich Muff der letzten Jahre. Da können wir toben, da können wir argumentieren, da können wir gut zureden, da können wir säuseln, da können wir machen, was wir wollen. Als wenn sie alle keine Seele, keine Würde hätten, sondern nur Herzen aus Holz, so verhärtet kommen sie mir vor.

Sie werden nicht über sich weinen – das wäre ihre Chance, sich von sich und von innen her windelweich erweichen zu lassen. Aber so? -Sie werden daran zerbrechen. In solchen Fällen umfassender Verstockung rät Jesus mir und auch Dir, sich auf dem Absatz umzudrehen und mit dieser Wunde den eigenen Weg zu gehen. Das sagt der so leicht und denkt nicht an Dich, die Du gefangen bist. – Doch, er denkt auch an Dich! Denn es ist kein äußerer Weg, es ist der Weg, der bei Deiner Bestimmung, bei Deiner Geburt seinen Anfang nahm: Lieben und sich lieben lassen, der Weg der Würde, der, egal wo Du bist, und ich bin, sofort begangen werden kann.

Der große Bonhoeffer in seiner Zelle fällt mir immer ein, aber auch der klare Michael Ballweg in Stammheim, die in der Gefängniszelle ihren inneren Weg wieder entdeckten. Geh den Weg, das wird auffallen. Du bist dann eine andere, Du stehst anders auf, Deine Schritte sind anders, Dein Kopf hängt nicht mehr, würdevoller, bestimmter, gelassener. Wieder angekommen bist Du auf dem alten Weg, auf den Du geschickt worden bist, und der Dein Schicksal ist.

Und wer bist Du jetzt, Johanna? Du bist die, der man die Würde nicht mehr nehmen kann. Du bist ein Kind Gottes oder des Universums. Du bist auf unsere Erde geschickt worden, geschickt, um das Unrecht geschickt aufzudecken und auch zu erleiden.
Du lebst das, wozu Du geschickt worden bist, so schön, so stark, so schwach, so menschlich.

 Johanna, Gott segnet Dich.“

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1   Vgl. https://transition-news.org/prinz-reuss-prozess-das-muss-man-gesehen-haben

2   Siehe: https://www.stattzeitung.org/artikel-lesen/2025-02-16-johanna-findeisen-muss-sich-nackt-ausziehen-und-frieren-trotz-fieber.html

Quelle:

https://www.youtube.com/watch?v=r9DBP7_-HBs

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Autor: hwludwig

herwilud@gmx.de

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