Der oberste Krieger: Markige Kampfansage aus Illusion und Gehorsam

Der offen zum Kriegsminister mutierte Bundesverteidigungsminister Boris Pistolius nutzte kürzlich den Ergebenheitsbesuch beim Lehnsherren in den USA dazu, sich als schärfster Vasall des US-Imperialismus im Kampf gegen Russland anzubiedern. Weit entfernt, über die ganzen zeitgeschichtlichen Verhältnisse im Bilde zu sein, hat er die US-Propagandaversion verinnerlicht und bläst zu Rüstung und Kampfbereitschaft gegen den angeblich aggressiven russischen Imperialismus. Er will Deutschland zu einer führenden robusten Militärmacht aufbauen, die darüber hinaus überall in der Welt die „westlichen Werte“ und Interessen verteidigen soll.

„Mit grimmiger Hingabe kämpfen“ – Stolz und Einbildung, ohne alle historischen Fakten  (Foto Die Weltwoche)

Die Wende von der Friedens- zur Kriegsorientierung

Der Journalist Peter Tiede hatte Boris Pistorius für „Bild“ nach Amerika begleitet und berichtete am 10.5.2024 mit unverhohlener Empathie von seinem markigen Auftreten bei den amerikanischen „Freunden“.1

Boris Pistorius habe an der Johns-Hopkins-Universität in Washington unter dem Titel: „Standhaft, fähig und bereit: Deutschlands Sicherheitsrenaissance und transatlantische Verteidigung“ „SEINE Grundsatz-, SEINE Zeitenwende-Rede“ gehalten.

In Deutschland sei gerade (am 8. Mai) der „Tag der Befreiung“ gefeiert worden, das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 79 Jahren, schreibt der Bild-Journalist, und nun stehe Boris Pistorius (64, SPD), Deutschlands Verteidigungsminister, vor knapp 250 Studenten und Professoren und sage:
Wir sind bereit, die Führung zu übernehmen.

Was für eine positive Wendung und Entwicklung, will er damit sagen. Doch was für ein Lügen- und Illusionskonstrukt gleich zu Anfang!

Man bombardiert am Ende eines Krieges nicht hilflose Frauen und Kinder eines Volkes, das man befreien will. In der US-Regierungsanweisung ICG 1067 vom April 1945 heißt es auch: “Deutschland wird nicht mit dem Ziel der Befreiung besetzt, sondern als eine besiegte feindliche Nation zur Durchsetzung alliierter Interessen.” Mitteleuropa und auch Westeuropa sind, so hat es ja auch der US-Stratege Brzezinski bereits in seinem Buch „Die einzige Weltmacht“ nüchtern konstatiert: seit den beiden Weltkriegen „amerikanisches Protektorat“, „tributpflichtige Vasallenstaaten“.2 So ist es noch immer.

Was der Vasall Pistolius da von militärischer Führungsbereitschaft redet, dass man sich, wie er später sagt, 75 Jahre nach Staatsgründung und 35 Jahre nach dem Mauerfall nicht weiter hinter den USA verstecken könne, bedeutet ja in Wahrheit nichts anderes als die unterwürfige Anbiederung zum Obervasallen unter den anderen Vasallen, der, nachdem die Ukraine bereits fast bis zum letzten Ukrainer ausgeblutet ist, zu allererst seine nun bald wieder wehrpflichtigen jungen Leute bis zum letzten Mann für die Eroberungs-Interesse des Weltimperialisten auf die „Schlacht“-Felder treiben will.

Die Zeit der Friedensdividende ist vorbei, habe er versichert.Wir leisten unseren Beitrag. Deutschland macht die nationale und kollektive Verteidigung zu seiner Priorität das ist neu in der deutschen Geschichte.“

Und unter Bezug auf die im Vorjahr veröffentlichte deutsche Sicherheitsstrategie (sie lege unsere Sicherheitsinteressen in der Welt fest), die erste nach dem Zweiten Weltkrieg, sage Pistorius, sie sei
ein Meilenstein auf dem Weg zur sicherheitspolitischen Mündigkeit …“
Mündig, also militärisch erwachsen werden müsse Deutschland, finde der Verteidigungsminister! –

Mündig unter der Vormundschaft der USA!

So wie Deutschland „als Frontstaat während des Kalten Krieges“ vom Westen profitiert habe, so werde Deutschland nun die Ost-Grenze des freien Westens gegen Moskau verteidigen: „Unser besonderer Schwerpunkt bleibt die Verteidigung unserer Bündnispartner an der Ostflanke der Nato.“ Geltungsbereich der Pistorius-Doktrin für Europa:
„Vom hohen Norden bis zum Balkan, von der Ostsee bis zum Mittelmeer.“
Ansonsten, so Tiede:
„Wo unsere Interessen bedroht sind – also weltweit.“Pistorius: „Wir können nicht einfach zusehen und abwarten, wie das Völkerrecht, unsere Ordnung und unsere Werte zerstört werden.“
Damit meine er nicht nur die Selbstverteidigung Deutschlands: „Das gilt weltweit.“
Besonders gemeint seien „die Krisenherde in Afrika, im Nahen Osten und im indopazifischen Raum. Und das gilt auch für die Ukraine.“
Pistorius erwähne China mit Russland in einem Atemzug, einem Satz – als gemeinsame Bedrohung.

Die Wirtschaftsmacht Deutschland solle auch militärische Macht werden. –
Immerhin erkennt er: Nicht allein, in der NATO, in Europa, mit den USA. Aber eben doch: als militärisch starke Führungsmacht! –
Als stolzer Obervasall eben, der sich an vorderster Linie für den im Hintergrund lenkenden Lehnsherren und Weltimperialisten für dessen mörderische Ziele opfert.

Pistorius: „Deutschland macht die nationale und kollektive Verteidigung zu seiner Priorität – und gestaltet gleichzeitig sein Engagement in anderen Teilen der Welt neu.“

Und der journalistische Schmierfink fügt begeistert hinzu:
Deutsche Interessenpolitik – national, europäisch und global. So klar, so aggressiv ist das Pistorius noch nie über die Lippen gekommen!“
„Und das als Militärmacht neben den USA!“, meint er.
Deutschland wird also nicht nur am Hindukusch verteidigt, sondern überall, an allen Brennpunkten der Welt, wo der Knecht vom US-Herren zur Verstärkung gebraucht wird.

Und dafür, das habe Pistorius schon früher gesagt, wolle er „eine Art von Wehrpflicht“. Denn:
„Wir müssen unsere militärische Durchhaltefähigkeit in einem Zustand der nationalen oder kollektiven Verteidigung sicherstellen.“
Und nicht nur mit Blick auf die gefühlte Flut an Krisen habe er gesagt:  Aber anstatt zu kapitulieren, werden Sie mich lieber mit grimmiger Hingabe die vor uns liegenden Krisen und Herausforderungen bekämpfen sehen.“

Er hat nur vergessen, hinzuzufügen:: „… die von den USA aggressiv erzeugten“ Krisen und Herausforderungen „in deren Interesse“ bekämpfen sehen.

Was ist das für ein Mensch, der da wie aus einem herabgedämpften illusionären Bewusstsein, wie im Rausch über andere Menschenleben verfügend, stramm daherredet?  

Quadriga

Doch Pistorius spricht nur aus, was längst begonnen hat, in Drohgebärden aggressiver Großmanöver militärisch gegen Russland demonstriert zu werden.

Wie german-foreign-policy.com berichtete, gehe nach mehreren Monaten intensiver Kriegsübungen das Bundeswehr-Großmanöver Quadriga 2024 aktuell in seine Endphase.
„Mit dem Manöver proben deutsche Militärs den Aufmarsch und das „hoch intensive Gefecht“ entlang der gesamten russischen Westflanke – von der norwegischen Arktis über Litauen, Polen, Deutschland und Ungarn bis nach Rumänien.“

Quadriga sei ein „´Zeichen` an die „russische Seite“, habe sich ein führender deutscher Militär geäußert: „Wir üben den Ernstfall“. Tatsächlich teste und entwickle Deutschland mit Quadriga, das bereits seit 2021 geplant werde, seine Fähigkeit, in Europa einen Krieg gegen Russland zu führen. Als Teil des Großmanövers vollziehe die Bundeswehr die „erste bundesweite Heimatschutzübung“ der im Zuge der Vorbereitungen auf einen Krieg mit Russland aufgestellten Heimatschutzkräfte. Neben dem Betrieb der logistischen „Drehscheibe“ im Hintergrund trainiere die Bundeswehr – von leichten über mittlere bis zu schweren Kräften – alle Dimensionen eines großangelegten Landkriegs in Europa. Dabei mache sich die Truppe nicht nur mit den Marschrouten Richtung Russland vertraut, sondern übe auch die Kriegsführung auf dem Schlachtfeld Osteuropa.

„Offizieller Beginn von Quadriga war Ende Februar. Wie der Reservistenverband berichtet, fanden erste Truppenbewegungen allerdings schon im Januar statt.[4] Den Rückmarsch der Truppen kündigte Generalinspekteur Carsten Breuer in einer Pressekonferenz für Ende Mai an; es ist allerdings davon auszugehen, dass auch dabei einzelne Truppenbewegungen über den offiziellen Manöverzeitraum hinaus andauern werden. Sollte Quadriga in den folgenden Jahren wieder ungefähr ein halbes Jahr umspannen, dann entwickelte sich der monatelange Aufmarsch gegen Russland für die Soldaten der Bundeswehr nahezu zum Dauerbetrieb.“

Offiziell erkläre der für die Manöverplanungen zuständige Oberst i.G. Dirk Hamann in einem Interview, mit der Durchführung von Quadriga reagiere man auf den russischen Einmarsch in die Ukraine. Allerdings berichte er im selben Interview, die Bundeswehr habe bereits 2021 mit den Planungen für Quadriga 2024 begonnen – also Monate vor dem russischen Einmarsch.3

In Wahrheit ist nicht Russland der Aggressor, sondern die US-geführte NATO, die längst von einem Verteidigungs- zu einem Aggressionsbündnis mutiert ist und die neonazistischen Herrscher in der Ukraine als Speerspitze gegen Russland benutzt. Die NATO hat sich entgegen der Versprechungen bei der Auflösung der Sowjetunion bedrohlich immer weiter an die russischen Grenzen heran ausgedehnt und die Ukraine zu einem Aufmarschgebiet gegen Russland ausgebaut.4

Solche Manöver sind keine Verteidigungs-Übungen, sondern aggressive Demonstrationen und Vorbereitungen für einen größeren Angriffskrieg gegen Russland, das so lange in seiner Sicherheit bedroht und provoziert wird, bis es als derjenige, der angefangen habe, dargestellt werden kann.

Der Geist des Krieges

Ein moderner Krieg mit seiner totalen Vernichtungs- und Zerstörungsenergie alles Menschlichen ist selbst nichts Menschliches, kann es nicht sein. Es ist eine Illusion zu glauben, er entspringe aus dem Wesen des Menschen. Er entspringt aus Wesen, aber mächtigeren, anti-menschlichen Wesen, die stärker sind als das Ich des Menschen und ihn bis zur Selbstvernichtung treiben. Ihre Gedanken, Gefühle und Willensimpulse dringen unbemerkt in die unbewussten Regionen der menschlichen Seelen ein, steigen aus ihnen wie eigene Regungen auf und überwältigen sie. Wer das von sich weist und nicht alle Aufmerksamkeit auf die Vorgänge in seinem Inneren wendet, lebt verhängnisvoll nicht in der vollen Wirklichkeit.

Der Psychotherapeut Malte Nelles knüpfte in einem Artikel an die jüngsten kriegerischen Veränderungen im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit an, die sich unter Ignorierung der zeitgeschichtlichen Wahrheit plötzlich eingestellt haben, und fragte sich: „Wie werden aus Friedenstauben Marschflugkörper? Wie entwickelt der Krieg im Geiste seine unnachahmliche Dynamik und Vollendungssehnsucht?“

Rationale, politologische aber auch konventionell psychologische Erklärungszugänge reichten nicht aus, um die geistige 180-Grad-Wende zu verstehen, die öffentliche Akteure innerhalb kürzester Zeit vollzogen hätten und auf deren Pfad sich Deutschland begeben habe. Man ahne und spüre es, dass ein Übermächtiges wieder in der Luft liege, das herandringe, der Krieg, und mit ihm sein Durst nach Blut, menschlichem Leben und Zerstörung von all jenem, das unsere Gesellschaft vordergründig ausmache.

Der Krieg sei, einmal ausgebrochen – und ausgebrochen ist er zuerst bereits verbal durch Lüge und Hass in den Medien – ein Diktator des Bewusstseins. Nicht mehr das wache Ich, die Vernunft und das Einfühlungsvermögen bestimmten das Fühlen, Denken, Wahrnehmen und Handeln, sondern an ihrer Stelle setze sich das Prinzip des Krieges auf den Thron des Bewusstseins. Der Krieg, so scheine es, suche sich die menschlichen Schauspieler für das Stück, das er inszenieren möchte. Er schicke die Akteure auf eine Einbahnstraße der Wut und Angst, ohne dass jene es  bemerken und reflektieren könnten.

Der amerikanische Psychoanalytiker James Hillman habe konstatiert: Der Krieg sei nicht das Resultat abgewogener Entscheidungen von Staatsführern, sondern ergebe sich aus Bewusstseinskräften, die stärker seien als das rationale Ich der jeweils Handelnden. Auf dem Schlachtfeld, aber auch am Tatort Schreibtisch oder nur beim betroffenen Lesen von Nachrichten werde die Psyche von archetypischen (urtümlichen) Kräften durchlebt, die entschieden, wie wahrgenommen, empfunden und schließlich gehandelt werde.

Hillman bezeichne diese menschheitsalten seelischen Strukturen des Erlebens erneut als „Götter“.
Ein „Gott“ sei für ihn eine Kraft, die jenseits des persönlichen Wollens und Entscheidens des „Ich“ liege und das Bewusstsein des Betreffenden bestimme. Wo das „Ich“ ende, beginne die Sphäre der Götter.

Und Malte Nelles fügt hinzu, der in seinem Selbstverständnis götterlose Mensch von heute meine nicht vom Gott „Mars“ bestimmt zu werden, denn die Götter seien für ihn Einbildungen primitiverer Völker und Zeiten. Doch der moderne Mensch lasse sich gerade dadurch, dass er glaube, sie wissenschaftlich als Unfug entlarvt zu haben, vom „Mars“ regieren. Er sei das ideale Opfer dieser Götter, denn der Mensch der heutigen Zeit lebe in seiner selbsternannten aufgeklärten Psyche im vollkommenen Unbewusstsein ihrer Existenz.5

Der Mensch ist den ungeheuren Herausforderung der Gegenwart nur gewachsen, wenn er das übermächtige Wirken der bösen Mächte in der Seele bemerkt, ihre Existenz realisiert und sein Bewusstsein selbst beherrscht.

Machtinhaber, die das nicht tun, müssen sofort entmachtet werden.

1   https://www.bild.de/news/inland/kampfansage-in-washington-pistorius-bereit-fuehrung-zu-uebernehmen-663c8b0eb12c756044163fdd
2   https://fassadenkratzer.de/2019/04/15/kriegsruestung-besatzungskosten-und-ein-hochkommissar/
3   https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9559
4   https://fassadenkratzer.de/2022/03/11/die-bedeutung-der-ukraine-auf-dem-geostrategischen-schachbrett-des-us-imperialismus/
https://fassadenkratzer.de/2022/11/21/krieg-der-usa-gegen-russland-von-langer-hand-geplant/
https://fassadenkratzer.de/2024/03/29/die-besessenen-der-geist-des-krieges-uberwaltigt-wieder-das-bewusstsein/

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Autor: hwludwig

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